Cornelia – allein unterwegs

Der Blick vom Bahnhof zum Hügel über Marseille

Der Blick vom Bahnhof zum Hügel über Marseille

Von zwei Allein-Ausflügen will ich berichten. Zuerst bin ich nach Cap d’Agde gefahren, um unser Auto abzuholen, und etwas näher zum Schiff zu bringen. Das sollte von Cannes aus kein Problem sein, wir haben – gemeinsam mit Nany und ihrem Ipad – Bahnverbindungen herausgesucht und verglichen, und ich habe mich dann für die schnellste entschieden, 09:30 Uhr ab Cannes Hauptbahnhof, nach gut zwei Stunden umsteigen in Marseille, mit 20 Minuten Zeit, 11:50 Uhr Abfahrt nach Agde, und um 14:25 sollte ich in dort ankommen. Dann mit dem Taxi weiter nach Cap d’Agde, weil der nächste Bus erst 16:15 Uhr fährt, dort am Hafen in das Auto steigen und die 350 Kilometer zurück nach Cannes fahren, damit ich rechtzeitig zum Abendessen wieder da bin. Soweit die Planung.

Am Abfahrtstag, der Computer ist voll geladen und im Rucksack, ich will die Zeit in der Bahn nutzen, um ein bisschen zu arbeiten. Ich liebe das, da hat man Ruhe und, wenn man Glück hat, sogar einen Tisch, und muss den Laptop nicht auf dem namengebenden Schoß haben. Beide Züge sind TERs, also so etwas wie unsere Regionalzüge, keine Intercitys und auch keine TGVs, aber die Fahrt ist relativ günstig, für über 350 Kilometer kostet die Fahrt 57 €.

Die erste Bahn ist gut besucht, ich wandere nicht ewig umher auf der Suche nach einem Großabteil mit einem freien Tisch, sondern nehme den freien Platz in einem Achter-Abteil, in dem, neben einem jungen Quotenmann neben mir, nur Frauen jeglichen Alters sitzen, mit ihren Koffern vor und um sich herum. Der junge Mann beginnt ein Telefonat mit einem Freund oder einer Freundin, sie unterhalten sich über die Ereignisse der letzten Tage und offensichtlich die Planung des heutigen, bis er plötzlich unterbricht wegen eines anderen Anrufs. Das war die Mama, die geht vor, wird auch direkt zurückgerufen, auch hier werden Vergangenes und Zukünftiges ausgetauscht. Noch mit dem Telefon am Ohr steigt er aus, allerdings ist jetzt wieder der erste Anrufer dran. Ein junges Mädchen mit einem ausgesprochen schönen Gesicht sitzt mit angezogenen Beinen und Kopfhörern, schräg in den Sitz eingeknuddelt, am Fenster, ihr gegenüber zwei Frauen eher marokkanischer Herkunft, die gerade ihr Frühstück teilen, daneben besagter junger Mann. Neben dem zusammengefalteten Mädel sitzt noch eine Frau, die allerdings bald aussteigt, daneben stehen einige Koffer, die in den Kurven ein Eigenleben entwickeln und herumrutschen. Mir gegenüber eine Frau in meinem Alter, die immer mal ihr Handy zu Rate zieht, um die anschließenden Zugverbindungen zu checken. Sie ist es auch, die verkündet, dass der Anschlusszug nach Narbonne eine Stunde Verspätung haben wird. Dann wird das auch mit dem Abendessen etwas später werden. Tatsächlich warten wir noch länger auf Marseilles Bahnhof, bis der Zug endlich einfährt. Es hatte in der Nacht heftige Gewitter mit Starkregen gegeben, der wohl auf der Bahnstrecke Bäume entwurzelt hat und Gleise unterspült.

Ein Klavier im öffentlichen Raum

Ein Klavier im öffentlichen Raum

Ich nutze die Zeit, um ein paar Bilder zu machen, und eine Kleinigkeit zu essen. Da es mir ja nicht eilt, laufe ich durch den ganzen Bahnhof, schaue in alle Läden und Gastronomie-Betriebe, überlege kurz, wegen des Wifis bei MacDonalds einen Cheeseburger zu essen, entscheide mich dann aber doch für ein Sandwich in der Sonne auf der Stadtseite. Neben der Boutique mit den provenzalischen Spezialitäten steht ein Klavier, gespendet vom Bahnhof selber, für die Reisenden zum Üben oder Spielen. Beim ersten Vorbeischlendern übt dort tatsächlich ein Kind, auf dem Rückweg spielt ein junger Mann ziemlich gut Beethovens  „An Elise“. Als ich nach meinem Mittagsnack zurück komme, haben sich zwei einander fremde junge Männer dort gefunden, sie spielen und singen aktuelle Songs in nahezu professioneller Manier. Was für eine schöne Idee, vielleicht sollte die Klavier- und die Musikindustrie auch mal darüber nachdenken, ob so ein Klavier im öffentlichen Raum nicht dem Musizieren an sich sehr zuträglich wäre. Den Reisenden in Marseille jedenfalls hat es gefallen, sowohl den Ausführenden als auch den Zuhörern.

Das ist noch nicht der richtige Zug

Das ist noch nicht der richtige Zug

Ist das…

Ist das…

…der richtige Zug!

…der richtige Zug!

Um 12:45 Uhr steht endlich eine Gleisnummer für den Zug nach Narbonne auf der Anzeige, aber es dauert noch zwanzig Minuten, bis der Zug endlich einfährt. Natürlich ist auch der nicht ganz menschenleer, aber nachdem ich zuerst einen schönen Platz am Fenster hatte, setzte sich ein Mensch neben mich, der gerne reden wollte, aber nur sehr rudimentäres Englisch sprach, französisch gar nicht. Er lebe schon sechs Jahre in Barcelona. “Ok, dann reden wir halt Spanisch“, sage ich, aber das kann er auch nicht. Die Lautsprecherdurchsage gibt an, dass wir insgesamt mit einer Verspätung von eindreiviertel Stunde reisen. Das Arbeiten ist mir auf dem Sitz mit dem Nachbarn zu eng, ich halte Ausschau und finde noch einen freien Tisch, auf dessen anderer Seite ein junger Mann in ähnlicher Haltung wie das junge Mädchen im ersten Zug versucht zu schlafen. Später liegt er auf dem Rücken und schnarcht leise.

Ich arbeite meinen Akku leer, dann sind wir eine Station vor Agde, in Sète, der junge Mann steigt hier aus. Das lässt mich ihn fragen, ob Sète eine schöne Stadt sei. Er schaut erst etwas skeptisch, dann gibt er zur Antwort: „Für Besucher schon!“  Auf dem Rückweg aus dem Mittelmeer wollen wir hier einen Halt einlegen.

Es ist 16:12 Uhr, als ich in Agde aussteige, ich beeile mich, nach draußen zu kommen, um den 16:15 Bus noch zu bekommen, da fährt der draußen gerade los, ich bin ganz erbost… Aber er fährt nur zu der Haltestelle, um die Leute einsteigen zu lassen. Also, das wäre ja ärgerlich gewesen, wenn ich den jetzt verpasst, und mit dem viel teureren Taxi hätte fahren müssen. So bin ich um 16:40 in Agde, laufe mit meinem Laptop im Rucksack zu dem Parkplatz am Hafen,  in der Hoffnung, dass der Wagen auch noch dort steht, und nicht etwa von der Hafenverwaltung abgeschleppt wurde. Nein, wurde er nicht, um fünf sitze ich im Auto, stelle das Navi ein, der Wagen springt auch direkt an und los geht es auf den Heimweg entlang der Côte, das Radio begleitet mich zuerst mit einem Beitrag über einen Romanautor, dann mit Musik und zu den zarten Klängen von Weniawskys Violinkonzert fahre ich nach Cannes rein. Gerade noch rechtzeitig zum Abendessen an der Uferpromenade.

Die Fähre und das kleine Segelboot

Die Fähre und das kleine Segelboot

Mein zweiter Alleingang führte mich am Morgen nach dem Ankern zum Hundespaziergang mit dem Beiboot nach St. Honorat. So ganz mein Freund ist der Tohatsu, der kleine Außenborder an unserem Gummiboot, noch nicht. Aber er springt doch an, und fährt mich mitsamt Nico zu dem kleinen Hafen, in dem auch gerade die Fähre angelegt hat. Daneben liegt das kleine Segelboot aus Kiel mit dem älteren Ehepaar, das ist schon sehr sportlich, wie die beiden hier leben. Ich will vorsichtig sein, und kuppel den Motor zu früh aus, versuche mit der Hand bis zum Land zu paddeln. Nee, das funktioniert nicht, nochmal den Vorwärtsgang rein, nach vorne krabbeln und versuchen, mit der Leine durch den Ring zu kommen. Dabei will Nico immer an mir vorbei und schon mal an Land. Dann ist das Boot fest, der Hund an Land, ich mache den Motor aus, suche meine Schuhe und will aussteigen. Oh, Mann! Jetzt hab ich auch noch die Schuhe vergessen!

So piekselig sind die Steine

So piekselig sind die Steine

Kurz überlege ich, zum Boot zurück zu fahren und die Schuhe zu holen, aber das ist ja Mega-Quatsch. Also steige ich mit meinen zarten Seglerfüßchen (o.k. Füßen bei Schuhgröße 44) aus, und laufe tapfer über die steinigen Wege der Mönchsinsel. Nico zeigt sich nett und bleibt in der Nähe, er zeigt auch Verständnis, dass wir nicht so richtig weit gehen, sondern unten am Wasser und Sand entlang eher schlendern als laufen.

Hundespaziergang barfuß

Hundespaziergang barfuß

Ein LKW kommt und fährt mit lautem Gerumpel vorsichtig auf die Fähre, ich warte lieber ab, bis diese abgelegt hat, denn sie macht ganz schöne Wirbel im kleinen Hafenbecken. Jetzt muss sich zeigen, ob der freundliche Tohatsu, fern von seinem Volker-Chef, auch bei der Capitania anspringt. Ein paar Versuche braucht es schon, ich gerate ins Grübeln, ob ich den Choke besser doch nochmal ziehen soll, aber ein erstes Motorattern zeigt an, dass der Tohatsu-Freund beim nächsten Versuch mitspielen will. Jawohl, das macht er auch, und bringt Hund und mich wieder sicher zur Hexe zurück.

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.