Eisenhart.

Nach ein paar Tagen Funkstille im Blog gibt es mal wieder etwas zu berichten. Die Lücke hat einfach auch damit zu tun, dass, wenn wir schon mal in der hessischen Heimat sind, soviel zu tun und organisieren ist, dass einfach (zu) wenig freie Zeit bleibt.

Zwei der gigantischen Hochöfen schauen hier ganz klein aus

Zwei der gigantischen Hochöfen schauen hier ganz klein aus

Jetzt bleiben wir mal beim Thema Heimat und machen einen kleinen Schlenker von 180 Kilometern ziemlich genau nach Westen. Eingerahmt  und mehr oder minder abgegrenzt von Frankreich und Luxemburg liegt dort das Saarland. Damals, zu früheren und leider längst vergangenen Zeiten, ein äußerst wirtschaftsstarkes Bundesland. Zum einen durch das schwarze Gold, die Kohle, die in der tiefen Erde ruhte und auf den Abbau wartete und zum anderen durch die Stahlwerke in Dillingen, Neunkirchen und Völklingen.

Hermann Röchling, der Unternehmer

Hermann Röchling, der Unternehmer

Das Werk in Völklingen wurde bereits 1870 gegründet, aber leider währte das Glück des deutschen Stahlwerkgründers gerade mal fünf kurze Jahre, bevor die erste Insolvenz folgte. Der Grund ist schnell erklärt: Die Strafzölle für Eisenimporte aus  den umliegenden Ländern, Belgien, Frankreich und Luxemburg nach Deutschland wurden aufgehoben. Doch nur kurze Zeit danach wurde das Stahlwerk von der Familie Röchling übernommen, weiterentwickelt und zu seiner jetzigen vollen Größe ausgebaut. In den folgenden Jahrzehnten sicherte es Aufschwung für die Stadt Völklingen und das gesamte Umland. Die dunkle Seite der Medaille ist, dass bereits im ersten Weltkrieg Rüstungsgüter hergestellt und Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden.

Es gibt viele Erklärungen für Besucher, dennoch ist so eine persönliche Führung etwas ganz Besonderes

Es gibt viele Erklärungen für Besucher, dennoch ist so eine persönliche Führung etwas ganz Besonderes

Im zweiten Weltkrieg wurde das Stahlwerk nicht bombardiert, da die französischen Nachbarn auf eine Akquirierung des Werkes nach Kriegsende aus waren. So war man in Völklingen auch direkt nach dem Krieg in einer relativ glücklichen Lage und konnte die Stahlproduktion nahtlos fortsetzen.

In der Gasgebläsehalle stehen riesige Maschinen

In der Gasgebläsehalle stehen riesige Maschinen

Aus sechs Hochöfen wurden jeden Tag sechstausend Tonnen glühend heißen Stahls gestochen. Riesige Luftmaschinen aus der fußballfeldgroßen Gebläsehalle lieferten die notwendige heiße Luft für die Schmelzprozesse, das Eisenerz wurde aus den Nachbarländern angeliefert, veredelte Kohle, das sogenannte Koks kam aus den umliegenden Kokereien. Eine gigantische Produktionsmaschinerie. Tag und Nacht, 365 Tage im Jahr, wurden die gierigen Hochöfen beschickt und befeuert. Die Welt wollte Stahl für den Wiederaufbau und für den Fortschritt, das Röchling’sche Stahlwerk lieferte es.

Zwei Hochöfen, im Vordergrund die gelben Röhren für die Heißluft

Zwei Hochöfen, im Vordergrund die gelben Röhren für die Heißluft

Die Arbeit im Eisenhüttenwerk und an den Hochöfen ein Knochenjob. Staub, Rauch und Dreck auf, über und in der Stadt, sichtbar, fühlbar. 1974 waren mehr als 17.000 Menschen im Hüttenwerk tätig. 1975 kam, schon krisenbedingt, der erste wirkliche Abschwung und einige tausend Mitarbeiter mussten ihren Hut nehmen. 1980 wurde ein modernes weiterverarbeitendes neues Stahlwerk direkt neben dem alten gebaut.

 

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Im Sommer 1986 ging dann bei der alten Hütte das Licht oder, besser gesagt, das Feuer in den Öfen endgültig aus. Die sechs Hochöfen und die mehrere hundert Hektar große Industrieanlage stand still. Der bis heute anhaltende und unaufhaltsame Abschwung für Völklingen und die umliegende Region begann. Mehr als zehntausend Menschen wurden arbeitslos oder verrentet. Sozialpläne und ein Hilfsprogramm der damaligen Landesregierung milderten, Gott sei Dank, die Misere.

Ingenieurskunst

Ingenieurskunst

1994 wurde das brachliegende Stahlwerk zum Unesco Weltkulturerbe erklärt und die weltweite Einzigartigkeit dieses vollständig erhaltenen Eisenwerkes zertifiziert.

Heute ist die Völklinger Hütte Besucher- und Veranstaltungsmagnet zugleich. Touristen und Einheimische, Fotografen und Interessierte aus der ganzen Welt besichtigen diese einzigartige Industriebrache.

staunende Gesichter

staunende Gesichter

Wir, Cornelia, Babara, Joachim und ich haben gestern an einer Führung durch das gigantisch große Werk teilgenommen. Kilometer lange dicke Rohre, die alles überragenden Hochöfen, zahllose Industriegebäude, ein endlos erscheinendes Gewirr von Wegen, Gleisen, und Gängen. Wir waren in der Gasgebläsehalle, der betriebseigenen Kokerei, sind die 170 Stufen zum Hochofen hinaufgestiegen und haben die sogenannte Möllerhalle, die zur Lagerung der benötigten Rohstoffe etc. diente, bestaunt.

ohne Worte…

ohne Worte…

Was für ein beeindruckendes Erlebnis, und jedem zu empfehlen. Die Führung dauerte  drei Stunden, wer will und noch Kraft in den Beinen hat, kann danach sicherlich noch die ein oder andere Stunde auf Entdeckungstour gehen. Das gesamte Gelände des Industriedenkmals ist mittlerweile barrierefrei und behindertengerecht erschlossen Ich empfehle ausdrücklich einen Zwischenstopp zur Kräftigung im gegenüberliegenden Café Umwalzer mit seinen lokal-saarländischen Spezialitäten. Also ab in Auto, Bus oder Bahn und auf nach Völklingen und ins schöne Saarland.

Noch mehr zur Hütte erfährt man hier:
Weltkulturerbe Völklinger Hütte: Willkommen
oder bei Wikipedia

Der Schlüssel ist mannshoch

Der Schlüssel in der Kokerei ist mannshoch

Klappen am Hochofen, durch die Teile des Kühlwassers einfließen konnten

Klappen am Hochofen, durch die Teile des Kühlwassers einfließen konnten

Die Hängebahnwagen zum Bestücken der Hochöfen

Die Hängebahnwagen zum Bestücken der Hochöfen

Das Werkzeug liegt noch bereit…

Das Werkzeug liegt noch bereit…

Die Kokerei

Die Kokerei

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