Zalandos Yacht

Und hier der fast letzte Tag der Hexe, bevor wir sie verlassen. So oder so ähnlich könnte doch leicht vorstellbar eine Überschrift in einem wohlbekannten deutschen Boulevardblatt lauten. Aber schön der Reihe nach, den Spannungsbogen ein bisschen aufgebaut, auch wenn das Ende schon mal vorweg genommen wurde.

Eigentlich wären wir auch nicht dort gewesen, wo wir heute morgen waren, sondern noch in der Werft, die wir ausgesucht hatten, um unseren Unterwasseranstrich zu erneuern. Für Montag um halbneun hatten wir einen Krantermin bei einer großen Werft in Antibes. Dann hatten wir das Pech, oder wie sich später rausstellte, das große Glück, mit anzusehen, wie eine andere Segelyacht unplanmäßig und willkürlich vor uns gekrant wurde. Uns haben sich die Nackenhaare zu Berge gestellt, als wir sahen, wie der Krangalgen mehrmals gegen die Wanten geschlagen ist. Sowenig “Feingefühl” beim Kranen hat uns den Rest gegeben und wir sind flux geflüchtet. Ein Schaden am Mast oder stehendem Gut wäre ein Fiasko.

Cornelia schlug wegen des schönen Wetters vor, zum Cap Ferrat zu fahren und die großzügige Bucht und die Aussicht auf die dahinterliegenden Berge zu genießen. Natürlich hatte sie auch einen “Spritz Aperol” im Hinterkopf, den wir gerne in unserer Lieblingskneipe in St. Jean trinken. Also volle Fahrt voraus, das meiste des Weges mit Motor, nur hin und iweder mit schwacher Windeskraft und Segeln. Die Bucht war uns wohlbekannt von früheren Besuchen, nur der Anker wollte im Seegras diesmal nicht recht halten. Anker runter, Anker rauf, neuer Anlauf 10 Meter weiter, gleiches negatives Ergebnis, der Anker pflügt durchs Seegras und gräbt sich nicht in den Grund. Sieben Versuche später dann hält das Grundeisen, was es verspricht, und wozu es gemacht ist. Noch eine Runde schwimmen mit der neuen Taucherbrille, die trotz Bart endlich dicht hält.

Alle anderen genannten Programmpunkte plus ein abendliches Pizzaessen wurden nach dem “Ankerdrama” auch noch erfüllt. Am Nachbartisch, auf der Terrasse mit Meerblick, ein nettes serbisches Ehepaar, das seit 30 Jahren in der Schweiz lebt, mit denen wir uns stundenlang über Gott und die Welt und auch die Politik angeregt unterhalten haben. Ein kleines Stück Heimweg hatten wir noch zusammen, kurzer herzlicher Abschied, Motor an und 10 Minuten mit Gummiboot zur Hexe getuckert.

Heute morgen hat dann, wie angekündigt, der Wind beständig aufgefrischt, auf Ost gedreht und fiese Wellen in die Bucht geschickt. Das war vorhergesagt und wir hatten schon die große Bucht von Villefranche im Hinterkopf. Anker auf, langsame Fahrt voraus gegenan, gegen ca. 1,5 Meter hohe Wellen. Langsam deshalb, damit das Schiff nicht so laut rumpelnd und krachend in die Wellentäler fliegt, 2-3 Knoten Fahrt sind da genug und nervenschonend. Bis zum vorgelagerten Kap und dann war es auch schon Zeit, das Vorsegel auszurollen – genug Segelfläche bei bis zu 24 Knoten Wind.
Ich mach das mit dem Segel, Cornelia ist am Ruder. Als das Segel rausgerollt ist, dreht Cornelia langsam ab und in dem Moment ertönt ein laut hupendes Horn, eine endlos erscheinende lange weiße Wand fährt mit über 10 Knoten Speed an uns vorbei. Cornelia dreht hektisch weg von dem riesigen Motorboot.

Um Haaresbreite sind wir der drohenden Kollison entkommen, uns zittern die Knie, wir bleiben zurück im Schwell, den der Plastikriese aufgeworfen hat. Ich fange wütend an zu schreien, strecke die Arme in die Luft, von oben schauen einige Crewmitglieder anscheinend erstaunt auf uns herab. (Das war besser als jedes HB-Männchen, sowas habe ich noch nie erlebt, Volker hat sich in seiner Wut echt heiser geschrien!)

Unglaublich, die hätten uns fast versenkt! Ein Regelverstoß, der durch nichts zu entschuldigen ist. Wer überholt umd von hinten aufkommt, hält sich frei. Warum drängelt sich dieses Riesenschiff zwischen uns und das Cap, während an Backbord ausreichend Seeraum ist?Ich schnapp mir unser Handfunkgerät und funke den Schiffsführer der “Odessa 2” an. Dem scheint sofort sein Fehler bewusst zu sein, und er murmelt unentwegt auf englisch Entschuldigungen. Doch so leicht ist es damit nicht getan und er muss sich eine kleine Weile lang meine Flüche anhören. Schlussendlich wünschen wir uns dann einen guten Tag und eine gute Weiterfahrt.

Nach Recherchen von Cornelia ist die “Odessa 2” bei Nobiskrug in Deutschland gebaut und gehört dem Derzeitigen Inhaber von z.B Zalando und Warner Brothers Music (und dem Nobel-Hotel “Grand Hotel St. Jean Cap Ferrat”, direkt am Ort des Unglücks. Das hätte noch gefehlt “Deutsche Superyacht versenkt deutsche Segelyacht”, so dann die Horrorüberschrift. Irgendwann ging der Schreck dann aus den Gliedern und der Anker wieder nieder.

Diesmal vor Wind und Wellen geschützt in der malerischen Bucht von Villefranche. Ein langer Spaziergang, schöne Eindrücke und anregende Gespräche sorgten dann für die notwenidge Zerstreuung. Bleibt nur zusagen: Ende gut alles gut😍

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Zalandos Yacht

  1. Sabine sagt:

    Hallo liebe Hexen-Crew…
    …was ist das für eine schlimme Geschichte? Da habt Ihr aber viel Glück gehabt.
    Eines jeden Segler’s Albtraum von einen anderen Schiff nicht gesehen zu werden.

    Erholt Euch gut von dem Schock zu Hause und genießt die Zeit.

    Wir gehen nächste Woche aus dem Wasser und spätestens am 01. Oktober segeln wir nach La Gomera rüber. Dort bekommen wir dann Besuch und weiter geht’s nach El Hierro.

    LG vom Skipper und mir,
    Sabine

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.