Problemblues

Das ist der Übeltäter, ziemlich zerstört

Vor einer Stunde ist die Dyneemaleine gerissen, die das Großfall mit dem Großsegel verbindet – einfach so, nicht vorhersehbar, auf einem Amwindkurs. Das Großsegel rauschte führungslos nach unten und verharkte sich mit dem Stausack, dem Lazybag.

Dabei fing gestern alles so verheißungsvoll an, mit der Rückfahrt nach Frankreich. Der Zoll und die Einwanderungerungsbehörde standen pünktlich vorm Schiff und kurz nach dem Ablegen setzte ein konstanter Ostwind ein.

Das Kielwasser sprudelt bei der schnellen Fahrt

Mit vollem Großsegel und unserem Leichtwindsegel, dem Code D, ging es rauschend übers blaue Meer. Die Meilen tickten nur so weg und um 21 Uhr am Abend hatten wir einen neuen Durchschnittsrekord. Einhundertfünf gesegelte Meilen in 12 Stunden, ein Schnitt von 8,75 Knoten. Mit wechselnden, immerhin segelbaren Winden ging es durch die Nacht bis mich Cornelia heute morgen laut rufend, mit nervöser Stimme aus der Freiwache weckte.

Die Hexe von oben

Nachdem wir die Situation evaluiert hatten, war klar, dass ich ganz hoch in den Mast muss, um das abgerissene Ende mit dem Großfall dran nach unten zu ziehen. Es waren zu dem Zeitpunkt noch knapp 300 Seemeilen bis nach Canet en Roussillon. Nur der Gedanke, dass ich bei rollendem und schwankendem Schiff und nur mit einem Fall gesichert die 27 Meter nach oben gehe, rief bei der Capitania eine kleine Panik hervor. Machen wir es kurz, wir haben es versucht, ich war fast, und die Betonung liegt auf fast, ganz oben, bis ich den Halt verloren habe und dabei einmal um den Mast geschleudert wurde, Gott sei Dank ohne mich zu verletzen. Im letzten Moment konnte ich mich an dem äußersten Ende des Wants festhalten und mit einer extra Leine sichern. Versuchsabbruch, direkt. Wir sind jetzt auf dem Rückweg nach Sardinien, bitter die nächtlich erkämpften Meilen wieder zurück zu fahren. In einer ruhigen Ankerbucht soll es wieder nach oben gehen, diesmal ohne Schlingerbewegungen. Wir hoffen dann eine provisorische Reparatur hinzubekommen, die es uns erlaubt, nach Frankreich zurück zu fahren.

Mit all den großen und kleinen Problemen die wir so mit unserer Outremer haben, kommen wir uns so langsam wie Versuchskaninchen vor, die einen Prototyp ausprobieren und kein Serienschiff, sehr sehr ärgerlich.

Blick vom Masttopp auf unsere schöne Ankerbucht

Nun haben wir mit Bordmitteln den Block wieder mit dem Großfall und dem Segelkopf verbunden, probieren mal aus, ob es hält, und wenn alles gut geht, machen wir uns auf den Weg nach Frankreich, ab Freitag Abend tobt im Löwengolf der Mistral, da wollen wir irgendwo im Hafen oder einer gut geschützten Ankerbucht sein.

Away from Africa

Obwohl der zweite Tag nach Ramadan in der arabischen Welt eigentlich noch ein Feiertag ist, standen Zoll und Immigration pünktlich um acht Uhr vor der Hexe, um unsere Pässe zu stempeln, und uns die Ausreisegenehmigung zu erteilen. Die armen Kerle müssen ja trotz der für heute angesagten 37° in ihren Uniformen rumlaufen, man kann ihnen nur wünschen, dass ihre Büros mit Klimageräten ausgestattet sind. Leider waren die Hafenmeister Muhrat und Mohammed noch nicht im Dienst, sodass wir uns nicht offiziell verabschieden konnten, nur unseren netten französischen Nachbarn haben wir Adieu gesagt.

Die ersten drei Seemeilen gab es überhaupt keinen Wind, seit Cap Blanche fahren wir mit unserem bunten Code D bei 15 – 22 Knoten Wind mit gutem Speed nach Nordwesten. Leider wird das nicht für die nächsten zwei bis drei Tage halten, für Dienstag ist wenig Wind aus unterschiedlichen Richtungen vorhergesagt, und ab Mittwoch früh soll der Mistral uns kräftig auf die Nase wehen. Wir lassen uns einfach mal überraschen.

Gestern war es tagsüber so heiß, dass wir keine großen Ausflüge unternommen haben. Am Vormittag kam Raouf auf einen Abschiedsschwatz an Bord, leider waren seine Damen mit den Vorbereitungen für die zahlreichen für heute erwarteten Verwandschaftsbesuche beschäftigt, wir hätten sie zu gerne ein bisschen bewirtet. Am frühen Abend haben uns unsere französischen Bootsnachbarn auf einen Apéro eingeladen, Volker war glücklich, dass er die kleine nette alte Hündin auf den Schoß nehmen konnte, wir haben extra Leckerli eingesteckt.

Zum Abendessen haben wir versucht, unsere letzten Dinar unters Volk zu bringen, sind aber wieder nur auf 55, mit Trinkgeld auf 60 Dinar gekommen (ca. 20 Euro), selbst mit Schnitzel und Seafood und einem – natürlich alkoholfreien – Cocktail wird das hier nicht mehr. Am Samstag haben wir noch Proviant, Obst, Gemüse und Fleisch für die Überfahrt eingekauft, und selbst um 10 Uhr morgens war es schon so heiß, dass wir uns ein Taxi vom Markt zur Marina geleistet haben. Gut, das war nicht sehr weit, man läuft zu Fuß ca. 12 – 20 Minuten, aber der Fahrer wollte in der Marina weniger als einen Dinar haben, wie geht das denn?

Wenn ich das hier abschicke, sind wir an der Südspitze von Sardinien, dort werden wir noch einmal den Wetterbericht checken und dann sind wir wieder einmal nicht erreichbar. Wir wünschen allen unseren Lesern eine gute Zeit und melden uns, wenn wir in Frankreich angekommen sind.