Gierig

Hurrikan Fiona auf dem Weg nach Norden

Gierig wie ein Nimmersatt saugt Hurrikan Fiona Luft in ihr wirbelndes Zentrum, um ihr zerstörerisches System zu erhalten. Von einer tropischen Depression, über einen tropischen Sturm hat sich Fiona zu einem ausgewachsenen Hurrikan der Stufe 3 entwickelt. Die Schäden auf den betroffenen Karibikinseln gehen in die Milliarden und leider hat Fiona auch schon einigen Menschen das Leben  gekostet. Doch obwohl Fiona nun nicht mehr in der Karibik wütet, halten die Menschen an der Ostküste der USA und in Neufundland den Atem an, und beobachten das Wettermonster mit Argusaugen. Denn die Zugbahn von Fiona darf man getrost als absolut ungewöhnlich bezeichnen. Statt raus auf den Atlantik zu ziehen, saugt sich dieser Hurrikan mit amerikanischer Festlandluft so richtig voll, lässt sich auch nicht von den kühlen Wassern des Humboldtstroms abschwächen und ballert mit voller Kraft in Richtung Kanada weiter.

Hier in Bristol hatten wir gestern sozusagen die Vorboten von Fiona in Form von tropischen Regenschauern gespürt, und heute wehte es durchgängig und gerade immer noch, mit 7-8 Windstärken aus nördlichen Richtungen. Bedingt durch den nördlichen Starkwind ist die Temperatur in den Keller gerauscht, nachts ist es mit 7 Grad ausgesprochen kalt. Doch wir wollen nicht jammern, denn, um ehrlich zu sein, sind wir heilfroh, dass wir nicht von diesem Wettersystem getroffen wurden, das  in nur 150 Seemeilen an uns vorbeigezogen ist. Zumal Bristol in den Jahren 1938 und 1954 von schweren Hurrikanen getroffen wurde, mit schwersten Schäden an Haus und Hof. Klar kann man sich in diesem Inselgewirr verstecken und ein sogenanntes Hurricanhole (Hurrikanversteck) suchen. Nur gehört dann schon eine gehörige Portion Glück dazu, bei den massiven Naturgewalten schadenfrei zu bleiben. 

Stille nach tropischem Regen

Nachdem die Hurrikansaison im Juli und August ausgeblieben ist, nimmt sie nun anscheinend so richtig Fahrt auf. Allein in dieser Woche haben sich vierweitere tropische Systeme gebildet. Das als Nummer Zehn bezeichnete System ist mittlerweile ein tropischer Sturm, hört auf den Namen Hermine und rauscht gerade von den Kapverden auf die Kanaren zu und sorgt dort schon für reichlich Unruhe bei der Bevölkerung. Die Menschen haben Angst vor dem, was auf sie zukommt, und die Medien überschlagen sich mit Warnungen. 

Die Hurrikan Site der Noaa

Auch bei Hermine kann, oder muss man sogar, ebenfalls von einer ungewöhnlichen Zugbahn sprechen. Denn das gab es noch nie, dass ein tropischer Sturm schnurgerade von den Kapverden nach Norden zu den Kanaren gezogen ist. Normalerweise wandern tropische Wettersysteme von der Ostküste Afrikas zu den karibischen Gebieten. Umso interessanter ist Hermine für die amerikanische Wetterbehörde NOAA und das dort befindliche Hurricancenter. 

Deshalb senden die USA ein Spezialflugzeug, das bis oben unter das Kabinendach mit Messapparatur vollgepackt ist, in das Zentrum des Tropensturms, um diesen genauestens zu untersuchen. Zudem intensiviert die NOAA nochmals ihre Arbeit, so sind die mögliche Hurrikangebiete in noch kleinere Sektoren eingeteilt worden, um dort noch mehr Wetterdaten erfassen zu können. 

Ein Kraftakt, der hoffentlich dabei hilft, die Entwicklung und mögliche Zugbahnen der tropische Stürme und der Hurrikans noch besser vorhersagen zu können und somit den Verlust von Menschenleben zu vermeiden und schwere Sachschäden zu beschränken.

Dass dies gelingen kann, sieht man meiner Meinung nach ganz gut an Puerto Rico. Während des Durchzugs von Hurrikan Maria vor fünf Jahren sind über 3000 Menschen gestorben, jetzt waren es, wie bereits erwähnt, fünf Menschen die die Naturgewalt nicht überlebt haben.

Hier an der Küste zog es heute die Wellenreiter an die zahlreichen Strände in der Umgebung. Wir verfolgten das sportliche Schauspiel am Newport Beach, wo ein ablandiger Wind auflandige Atlantikwellen, sowie die ebenfalls auflaufde Atlantikdünung für optimale Wellenreitbedingungen mit hohen und lang laufenden Wellen sorgten.

Wellenspektakel

Spektakulär anzuschauen waren die brechenden Wellen, am nur wenige Kilometer entfernten Denkmal für die portugiesischen Seefahrer und Entdecker, dem Brenton Point.

Denk-mal

Seit sechs Tagen ankern wir nahe zum Bristol Harbour, seit vier Tagen haben wir einen Mietwagen, den wir für Einkäufe und Erkundungsfahrten nutzen. Es gibt mal wieder viel zu tun an Bord und die Arbeitsstunden mehren sich. Wir wollen alle Silikonnähte erneuern und das Auskratzen der alten unansehnlichen Silikonfugen ist eine echte zeitfressende Plackerei. Doch wir kommen langsam aber stetig voran, das Cockpit ist fast fertig, frühmorgens geht es los und am späten Nachmittag sind wieder ein paar Silikondosen leer und ein paar Meter Fugen weiß gefüllt. 

Abends sind wir dann in Bristol unterwegs, das ist in der Regel sehr unterhaltend und abwechslungsreich. Denn die lieben Menschen von Bristol sind durchweg „open minded“, also interessiert an neuen Menschen/Bekanntschaften, und nicht wenige hier haben einen Bezug zu Deutschland, sei es durch das eigene Arbeitsleben, Verwandte und Bekannte oder durch Urlaub  oder Reisen. So entwickeln sich Gespräche schnell, wir werden nach dem Woher und Wohin befragt, erhalten viele Informationen zur Gegend, zur Ostküste von Amerika, über die Lebens-/Arbeitsweise in Amerika. Häufig tauschen wir unsere Adressen aus, mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen. Um es kurz zu fassen, wir sind froh, diesen wunderbaren Ort für uns entdeckt zu haben. 

Alter schneller Kat mit modernen Attributen

Apropos wunderbarer Ort, ich finde ja, dass Cornelia bei der Beschreibung des Herreshoff Museums ein bisschen einsilbig und emotionslos war. Dazu muss man wissen, dass Nathanael Herreshoff (1848-1938) den legendären Ruhm begründete und sein Sohn Francis den Erfolg fortsetzte. Beide waren herausragende Yachtkonstrukteure ihrer Zeit. Die Yachten, die ihrer Feder entsprangen und von ihnen auch gebaut wurden, gewannen zahllose Regatten, besonders im berühmten Americas Cup. Acht mal wurde dieses Highlight der Sportgeschichte ruhmreich von Herreshoff Yachten gewonnen. Wer sich hingezogen fühlt zum Segelsport oder klassische Yachten mag, wird den Besuch des Herreshoff Museums allzeit liebevoll in seiner Erinnerung bewahren. 

Die Konstruktionszeichnung und die Beschreibung des Kat

Diese große Anzahl ehemals schwimmender Schönheiten im guten Zustand in der ehemaligen Bauhalle bewundern zu können, geht echt ans Herz. Und für die Katamaransegler unter den Lesern, Herreshoff hat bereits 1876 einen 9,5 Meter langen Katamaran in offener Bauweise, also ohne Kajüte gebaut, der damals schon 18 Knoten schnell war und jetzt in der Ausstellung zu bewundern ist. Beide Ruder sind über ein Stangensystem miteinander verbunden, der Katamaran hatte Steckschwerter und einen großen Bugspriet, der an sportliche Yachten der heutigen Zeit erinnert. Damals gab es keine (Katamaran-)Vorbilder, einfach nur genial! Es gibt zudem noch eine Hall of Fame des Americas Cup und ein Americas Cupper steht in voller Schönheit vor dem Museum. Das Museum sucht noch Freiwillige zur Mitarbeit im Museum. Also wer in die USA umsiedelt und Schiffe liebt, könnte in Bristol seine 2. Heimat finden. 🙂

Viele Tage, viele Buchten

Dienstag, 13. September, Onset Bay nach Martha’s Vineyard, 20 Seemeilen

Pünktlich um 08:00 Uhr sind wir an der Bootstankstelle, denn in der Seekarte stand, das diese mit Abstand die günstigste Tankstelle der Region ist. Tatsächlich haben wir für 92 Gallonen 425 Dollar bezahlt, das sind 4,62 Dollar pro Gallone, meist kostet die hier 5 Dollar.

Die Onset Bay hatte uns gut gefallen, ein kleines verschlafenes Nest, mit einem Pub am Hafen und einem Pizza-Restaurant. Dort haben wir sehr leckeren Salat und Pizza gegessen, und uns mit den Damen am Nebentisch unterhalten. Alle sind immer so interessiert, fragen uns, woher wir kommen, wollen mehr von unserer Reise wissen und finden es “awesome“, fantastisch!

Dann geht es los, immer brav an den Bojen entlang die Onset Bay hinaus bis zu der schmalen Durchfahrt bei dem Nonamesset Island (ist bestimmt ein indianischer Name) über die Bucht von Falmouth Harbour bis nach Martha’s Vineyard, das uns sehr empfohlen wurde. Für heute war dies die ideale Entfernung, denn kurz vor dem Ankern fängt es an zu regnen. Im VHF kommen Warnungen der Coastguard vor Gewitter, schwerer See, plötzlichen Böen und Windhosen, die kleinere Boote umwerfen und andere schwer beschädigen könnten. Tatsächlich braut sich hinter uns was zusammen, eine dunkle Wolkenfront kommt immer näher, wir hören auch schon mal ein Donnergrollen.

Von hinten kommen die dicken Wolken

Vorsorglich lässt Volker uns alles wegpacken, die Cockpitpolster wegen des kommenden Regens, das Cockpit-Zelt, um eventuellen Böen keine Angriffsfläche zu bieten, die Abdeckungen auf den Winschen, alles was irgendwie durch die Luft fliegen könnte wird im Innern des Bootes verstaut.

Glücklicherweise kommen die bösen Sturmböen und Windhosen nicht zu uns, aber der Regen! Das ist kein Regen, sondern Petrus hat da oben ein Schwimmbad leer laufen lassen. Dabei verschwimmen Wasser und Horizont zu einer einzigen grauen Fläche, auf dem Dach prasselt es, und es grummelt immer mal wieder, aber nun sitzen wir trocken im Boot und lauschen dem aufs Dach prasselnden Regen. Mal sehen, wie lange das dauert, laut Wetterberichten soll es gegen 17 Uhr aufhören. Hoffentlich weiß Petrus das auch …

Tatsächlich wird es abends trocken, wir machen uns auf in den Ort, von dem wir so tolle Sachen gehört haben. Obama macht hier Urlaub und noch andere amerikanische Celebrities. Aber ehrlich: Der Ort ist ausgestorben und langweilig. Es gibt ein paar Kleidergeschäfte, die obligatorischen Galerien und hochpreisige Souvenir-Läden.

Lecker Sushi

Ganze zwei Restaurants haben an diesem Dienstg geöffnet, eines davon serviert (für mich) sehr leckeres Sushi, Volker ist von seinem Essen weniger begeistert. Am nächsten Abend essen wir lieber auf dem Boot, aber danach finden wir tatsächlich ein Pub, das berühmte Black Dog, in dem wir nur etwas trinken dürfen, und Volker einen unglaublich leckeren Schokoladenmousse-Nachtisch bekommt.

Den schwarzen Hund gibt es in allen Varianten, auf sämtlichen Gläsern und Tellern hier im Pub. In den Black-Dog-Läden findet man ihn sogar auf T-Shirts, Hoodies und vielem mehr.

Donnerstag, 15. September, Martha’s Vineyard nach Newport, 44 Seemeilen

Um den Gezeitenstrom, der hier mit bis zu vier Knoten stark ist, auszunutzen, sind wir früh auf den Beinen. Der Wind ist noch stärker als vorher gesagt, gut dass Volker schon gleich Reff 2 eingebunden hat. In der Bucht von Martha’s Vineyard mussten wir noch unter Motor fahren, denn es ging genau gegenan, und hier verkehren zahlreiche Fähren, sodass man nicht gut kreuzen kann. Kurz vor Ende der Bucht wird das Großsegel gesetzt, nach dem Abbiegen zunächst auf 280° kommt die Genua im 4. Reff hinzu. 

Der nächste Kurs ist mit fast 210° ein Halb- bis Am-Wind-Kurs. Dank des mit 28 Knoten wehenden  Windes und  der Böen bis 32 Knoten sind wir rasend schnell, oft über 12 Knoten, am Ende sind wir einen Schnitt von neun Knoten gesegelt.

Nach fünf Stunden biegen wir in die Bucht von Newport ein, hier wird gesegelt. Ein paar Regatta segelnden Booten müssen wir ausweichen, nachdem wir vor der letzten Bucht das Segel geborgen haben. Die Bucht vor der Stadt ist voll mit Mooring-Feldern, die Ankerplätze sind gefüllt wie in der Marigot Bay. Aber wir finden einen guten Platz, und können bald mit dem Dinghy in die Stadt fahren.

Am nächsten Tag sind wir früh im Ort, denn hier findet gerade eine Boat Show statt, mit ganz vielen Motor- und auch einigen Segelbooten im Wasser, und auch Zubehör in zwei Hallen. Wir genießen es, dass man hier ganz unproblematisch auf jedes Boot gehen kann, ohne gleich ein festes Kaufinteresse zu zeigen. Schuhe ausziehen und ab!

Samstag, 17. September, Newport nach Bristol, 12 Seemeilen (gekreuzt wahrscheinlich eher 14, aber die Logge funktioniert nicht)

Früh legen wir ab, es sind zwar nur 12 sm bis Bristol, aber Volker möchte heute noch in das Herreshoff-Museum. Ohne Frühstück und vor allem ohne Kaffee für mich motoren wir zunächst bis zur Newport oder auch Claiborne Pell Bridge (das scheint nicht so klar) und, obwohl sie mit den 194 Fuß mehr als genug Durchfahrtshöhe für uns hat, sieht es immer wieder spektakulär aus. Zumindest von unten.

Wie in Holland im Winter …

Der Wind ist kalt, wir ziehen eine Schicht nach der anderen an, sogar Handschuhe. Aber die Sonne scheint und verspricht wärmere Temperaturen für heute Mittag.  Es ist sehr schön hier und nicht ganz so voll wie in Newport auf den Ankerplätzen und  den zahlreichen Regatten.

Vor Bristol liegen auch zahlreiche Boote, die meisten an Moorings, aber wir finden einen großartigen Ankerplatz.  vor wunderschönen Villen am Ufer mit großzügigen Grundstücken. „Bei der Garten-Größe rentiert sich ein Aufsitzrasenmäher!“, sagt Volker.

Das Herreshoff-Museum ist interessant anzuschauen, wir bewundern die verschiedenen Modelle, und man kann sogar in manche reingehen. Die sind wunderschön gebaut, mit allem, was man auf längeren Törns braucht, Toiletten, Betten und eine funktionierende Küche mit Dieselherd. 

Bristol gefällt uns gut, mit zahlreichen Kneipen und Restaurants, wir genießen die kleine Stadt. Anthony Quinn hat in Bristol gelebt und ist sogar auf dem hiesigen Friedhof beerdigt. Auch hier finden wir überall nette Leute, die uns mit Tipps zu der Gegend versorgen, und mehr über unsere Reise wissen wollen.

Am Sonntag findet in einer Straße ein Event statt, mit verschiedenen Bands auf den Porches, den Veranden an der Vorderseite, tausende Menschen sitzen auf mitgebrachten Stühlen, oder stehen vor den jeweiligen Bands, und manche, so wie wir, laufen die ganze Straße entlang, um alle Bands und die wunderschönen Häuser anzuschauen.

Ahoi Hexe

Grönland von oben

Wes und Roisin holten uns am Flughafen in Boston ab, der fünf Stunden lange Flug von Reykjavik  dorthin hat uns einen wunderbaren Ausblick auf die grönländische Eiswelt geboten, sowie auf unendlich viele kanadische Buchten, Seen und Flüsse. Vom Flughafen ging es mit dem geliehenen Auto zum Hull Yacht Club und von dort, wegen des vielen Gepäcks, mit dem Tenderboot des Yachtclubs zu dem Ankerplatz der Hexe. 

Endlich angekommen an Bord, war zunächst garnicht viel Zeit übrig, denn wir packten aus und Wes und Roisin packten ein für ihren Flug am folgenden Tag nach Seattle. Viele Bootsdetails wurden besprochen, kleine Problemchen noch gelöst, ein Einkauf im Supermarkt arrangiert und nach einem frühen Abendessen gingen wir alle ins Bett. Die Zeitverschiebung forderte mal wieder ihren Tribut. 

Wenn Himmel und Meer miteinander verschmelzen

Am nächsten Morgen ging es früh mit kleineren Reparaturen weiter, das Manometer des Watermakers wurde eingedichtet, ein neuer Borddurchlass, natürlich oberhalb der Wasserlinie, wurde montiert und schon war es Zeit, die Beiden mit dem Beiboot zum Yachtclub zu bringen, damit der gebuchte Flug erreicht wurde. Kaum dort angekommen, kam der Commodore des Clubs auf uns zu, ob wir denn eine Vereinsflagge von unserem Segelclub bei uns hätten für einen Flaggentausch. Ein paar Minuten später war die Flagge von Bord geholt und die offizielle Wimpeltauschzeremonie wurde durchgeführt. Danach gab es den obligatorischen Umtrunk, verbunden mit einer herzlichen Einladung zum Abendessen in den Hull Yacht Club, kurz HYC.

FLaggentausch

Am Abend ging es dann gestylt und gebügelt zum HYC, und wir wurden direkt von einem Clubmitlied zu einem Willkommensgetränk eingeladen und nach dem Woher und Wohin unserer Reise befragt. In diesem Stil ging der Abend weiter, das Interesse an unseren Segelabenteuern war groß, die amerikanischen Segler waren sehr neugierig und offen. Das leckere warme Büffet war die kulinarische Krönung des Abends. Danach wurde es nochmal formell, denn die Gewinner der sommerlichen Abendregattaserie wurden bekanntgegeben und es gab eine Besprechung, mit Anregungen der Mitglieder, wie diese erfolgreiche Regattaserie in der nächsten Saison fortgeführt werden soll. Dann wurden wir als Segelreisende in der großen Runde offiziell vorgestellt und nochmals beim HYC willkommen geheißen, um 22 Uhr war dann alles vorbei und wir tuckerten zum Schiff zurück. 

Die Capitania auf der Leiter

Der nächste Tag verging mit Reinigungs- und Unterhaltsarbeiten wie im Flug, abends gönnten wir uns ein paar wohlverdiente Drinks in „Jo’s Nautical Bar“, die wohl so legendär zu sein scheint, dass uns alle Segler zu einem Besuch geraten hatten. Der Aufstieg vom Dinghysteg, über die hoch hinausragende Leiter, war für die Capitania eine echte Aufgabe, die sie aber mit Bravour meisterte. Die Bar scheint aus einer lang vergangenen Zeit zu stammen, überall hängen maritime Artefakte, ein Sänger gab sein Bestes auf der Gitarre, und Lindsey, die superfreundliche Bedienung, erzählte begeistert von ihrem Berlinaufenthalt.

Mit den Drinks muss man sich bei den Dinghytouren in Amerika generell zurückhalten, denn Polizei-oder Coastguardboote kontrollieren schon mal Sportboote. 

Am nächsten Morgen ging es dann ankerauf aus der Bucht heraus. Unser Tagesziel, Provincetown, liegt gut 40 Seemeilen entfernt. Provincetown ist das Mekka der Queer-Bewegung an der Ostküste von Amerika, ein bunter Menschenmix bevölkert die Gassen der historischen Altstadt und feiert in den zahlreichen Locations. 

Neugierig verfolgten wir die Szenerie, wir ließen uns von dem Menschenstrom durch die Gassen treiben und folgten der Einladung zu einem Jazzkonzert ins historische Rathaus. Bei dem Konzert wurde nicht nur die Jazzmusik der 1950-1980er Jahre in den Mittelpunkt gesetzt, sondern auch die Fotografien von Jack Bradley, der alle berühmten Jazzmusiker wie Louis Armstrong, Ella Fitzgerald und Duke Ellington abgelichtet hatte. Insgesamt umfasst sein photografisches Schaffen über 30.000 Fotos. Jack Bradleys Fotografien lagern heute im Louis Armstrong House Museum.

Mit Fotoleinwand

Von der Musik beschwingt, wandelten wir weiter durch die Straßen von Provincetown. Aber irgendwann ist Schluss mit lustig und mit dem, seltsamerweise, stotterndem Außenbordmotor, ging es etwas beunruhigt zum Hexenkat zurück. 

Gestern war dann Poliertag, eine Hälfte des Aufbaus glänzt nun wieder, wie sie soll. Hin und wieder zeigten sich Haifischflossen in der Nähe der Hexe, die Cape Cod Region ist das Epizentrum der Haie an der Ostküste. Besonders die weißen Haie mögen die zahlreich vorkommenden Robben wohl sehr. Das bewachsene Unterwasserschiff wird daher nur, soweit erreichbar, vom sicheren Beiboot aus von den angewachsenen Muscheln befreit. Abends machten wir uns noch einmal auf in den täglichen Karneval von Provincetown.

Heute sind wir zum Cape Cod Canal gesegelt und dann bei strömendem Regen durch den gut 7,5 Seemeilen langen Kanal geschippert, der sowohl landschaftlich als auch von den Brücken her, sehr an den Nordostseekanal erinnert. Und eine kräftige Strömung sorgt dafür, dass die Passage kurz ist, wir haben die Gezeit gut abgepasst, vier bis fünf Knoten schieben uns westwärts.

Kurz nach dem Kanal fiel in der ruhigen Onsetbay der Anker, keiner von uns Beiden hatte mehr Lust, weiter durch den Regen zu schippern. Die Dieselheizung wärmt gerade das Schiff auf und trocknet die nassen Klamotten. Morgen ist ein neuer Tag.

Zwischen Death Valley und den Schweizer Bergen – die vielfältigen Gesichter Islands

Wenn man mit dem Auto durch Island fährt, sieht man ganz verschiedene Landschaftsbilder.
Es gibt vulkanische Steinwüsten wie in Lanzarote, aber hier sind sie von weichem Moos bedeckt, sodass man einsinkt, wenn man darüber läuft. Das gilt wahrscheinlich auch für die grasenden Schafe sowie für die vielen Islandpferde, die auf weiten Weiden rennen können.
Es gibt grüne Wiesen und schroffe Berge wie in den Alpen, an manchen Stellen ragen rote Felsplateaus aus wüstenähnlichem Boden, dann wieder stehen da Tannenbäume wie im deutschen Nadelwald. Eine andere Gegend erinnert an die sanften Hügel Südenglands.
Beeindruckend aber sind die Geysire, oder Wasserfontänen, die aus der Erde sprudeln, sowie riesige und kleinere Wasserfälle, oft sieht man glasklare oder erdtrübe Seen und Flüsse.
Und über all dieserVielfalt thronen die Gletscher Islands mit den unaussprechlichen Namen, der kleine Myrdalsjökull oder der riesige Vatnajökull, von denen an einigen Stellen Eisbrocken in Lagunen abspalten, der Gletscher „kalbt“. Große und kleine, braune, weiße und blaue Eisberge schwimmen in den Seen, auch einzelne Stückchen Gletschereis, die wie Diamanten in der Sonne glitzern.

Was machen wir in Island? Während wir zu unserem Sommerurlaub in Deutschland waren, haben Wes und Roisin in ihrem Sommerurlaub die Hexe nach Boston gebracht. Dort findet dann – sozusagen – ein Crewwechsel statt, die beiden fliegen zurück nach Lanzarote, und wir übernehmen unser Boot wieder.

Alles muss eingepackt werden

Der Flug von Amsterdam nach Boston sollte in Reykjavik zwischenlanden, mit zwei Stunden Aufenthalt. Da wir beide aber noch nie in Island waren, beschlossen wir, den Zwei-Stunden-Aufenthalt auf drei Tage zu verlängern. Und das hat sich gelohnt!

Auf dem Weg zum Abendessen im Turm

Auf dem Weg zum Flughafen in Amsterdam haben wir eine Nacht als erste Gäste im neu eingerichteten Airbnb von Sabrina und Matthijs in Hoorn geschlafen, und waren mit unseren Freunden Kees und Boris wie in alten Zeiten in den Hoofdtoren Spareribs und Sliptongetjes essen.

Der etwas andere Fahrradständer

Ich hatte uns ein nettes Hotel im Herzen von Reykjavik gebucht, ein Leihauto hatten wir schließlich auch (aber dazu gehört eine andere Story), und nachdem wir unser Gepäck in dem schönen Zimmer mit Aussicht auf den Hafen verstaut hatten, machten wir einen ersten Rundgang durch die Innenstadt.

Auf der Fahrt vom Flughafen war uns aufgefallen, dass es viele eher hässliche Bauten gibt, mit unschönem grauen Betonputz. Aber hier im Zentrum erfreuten wir uns an den typisch bunten nordischen Häusern. Die Stadt ist unglaublich lebendig, so viele Menschen laufen durch die Straßen, am frühen Sonntagabend genauso wie am späteren Montagabend oder Dienstag Nachmittag. Es gibt anspruchsvolle Modegeschäfte, Designerläden und natürlich viele Souvenirläden mit hübschen bis hässlichen Andenken an Island. Fast jedes zweite Haus beherbergt ein Restaurant, ein Café oder eine Kneipe, alle sind meist gut besucht.

Das Opern- und Konzerthaus – moderne Architektur vom Feinsten

Viele junge Menschen beherrschen das Stadtbild, manche mit außergewöhnlichen Haarprachten, Männer mit Zöpfen bis zum Po, viele – wie in der Karibik – sehr bunt gefärbt, und mit abenteuerlichen Tätowierungen.


In der ältesten Kneipe Islands tranken wir ein Bier – „Viking“, in Island gebraut wie auch „Gull“, von dem wir schon am Flughafen ein Sixpack ins Hotel mitgenommen hatten, weil wir horrende Storys von Bier- und Weinpreisen gehört hatten. Also, günstig ist es nicht, aber insgesamt scheint es – zumindest für die Isländer – in Ordnung zu sein.

Uns blieben zwei volle Tage, um die Sehenswürdigkeiten dieser Insel anzuschauen, und jede einzelne Stunde hat sich mehr als gelohnt. Da wir beschlossen hatten – schon wegen unserer eher zahlreichen und schweren Gepäckstücke von dem einen Hotel in Reykjavik aus zu fahren, anstatt jeden Abend eine neue Unterkunft zu suchen – waren wir lange mit dem Auto unterwegs, durch eben diese vielfältigen Landschaften.


Der eher kurzen zur Verfügung stehenden Zeit wegen haben wir uns auf die Südküste konzentriert und sind am ersten Tag sehr früh, um kurz nach sieben Uhr, losgefahren, 380 km weit, zu dem Vatnajökull-Gletscher, vorbei an all den eingangs erwähnten verschiedenen Landschaften.

Schwefeliger Dampf kommt auch mit in die Luft

Geysir-ähnliche Fontänen aus schwefeliger Erdwärme haben uns beeindruckt, natürlich die wirklich sehr zahlreichen Schafe, die friedlich grasenden Islandpferde und Shetlandponys. Nahe der am südlichen Rand der Insel gelegene Stadt Vik gab es auch einen kleineren Gletschersee, allerdings eher mit schmutzigbraunen Eisbergen.

Aber der Gletschersee Fjallsarlon hat wirklich alles übertroffen. In der Sonne am Ufer sitzend beobachten wir, wie die kleinen Diamanteisberge leicht übers Wasser gleiten, der große Brocken in einem unglaublichen Blau leuchtet und kleinere weiße Stücke auf dem kalten Wasser schwimmen. Volker hat mal die Hände reingehalten und fand die Temperatur als nicht zum Baden geeignet.


Der Rückweg nach Reykjavik wurde zu einem Festival der Wasserfälle und der daraus resultierenden Flussschnellen. An dem großen und berühmten Seljalandsfoss ersparten wir uns den eigentlich unvermeidlichen Gang zwischen dem hinab stürzenden Wasser und der Felswand, als wir sahen, wie nass die Leute da herauskamen, viele in Regenjacken und -mäntel gehüllt, uns reichte schon, dass die Gischt unsere Gesichter benetzt. Trotzdem war es gigantisch anzusehen, wie schön die von Sonne und Spray gebildeten Regenbogen an den Berg gemalt wurden.

Auch die Band spielt vor vollen Bücherregalen

Müde und hungrig kamen wir am Hotel an, und landeten – nach einem leckeren Abendessen mit Fish & Chips für mich und einem Burger für Volker in einer großen Buchhandlung. Also, es sah aus wie eine Buchhandlung, aber vor fünf Jahren hatte der Chef, der wie der Archetyp eines Buchhändlers durch den Laden lief, eine andere Idee. Er stellte antiquarische Bücher in die zahlreichen Regale im Erdgeschoss und auf der umlaufenden Empore, baute zwei Theken ein, seitdem spielt hier jeden Abend eine Band, der Laden ist voll, und die Bars laufen gut. Wahrscheinlich kommen hier täglich mehr Menschen in das Geschäft, als es Buchkäufer gäbe.

Die amerikanische Erdplatte

Nach der ausgedehnten Autofahrt am ersten Tag wollten wir an unserem zweiten und letzten Tag nicht so lange im Wagen sitzen. Die Landschaftseindrücke waren unglaublich vielfältig, heute reichte uns der Ausflug zu der Kontinentalspalte. In dem Nationalpark Thingvellier treffen die eurasische und die amerikanische Erdplatte aufeinander, dazwischen hat sich eine Spalte gebildet, durch die man hindurch wandern kann, vom Museum bis – mal wieder – zu einem Wasserfall. Hier waren wir auch nicht alleine, aber das Gefühl, mal eben so von europäischem zu amerikanischem Boden zu wechseln, und natürlich – auch wieder mal – die umgebende Landschaft machten den Spaziergang zu einem besonderen Erlebnis.

Volker und die Pferde


Auf dem Rückweg haben wir kurz angehalten, um ein paar Islandpferde zu streicheln, waren in einem Museum, das isländischer Malerei gewidmet war, und eine Ausstellung des unglaublich produktiven Porträtmalers Kjärval (1886-19729) zeigte, sowie eine Ausstellung von gestickten modernen Bildern, die lustig anzuschauen.


Nach einem leckeren vietnamesischen Abendessen schauten wir noch einmal bei der musikalischen Buchhandlung vorbei, diesmal allerdings waren wir vernünftig genug, nicht – wie am Abend zuvor – die letzte Zugabe abzuwarten, sondern gingen rechtzeitig zurück zum Hotel, um die Taschen zu packen, schließlich mussten wir um sieben Uhr in der Früh bereits auf dem Weg zum Flughafen sein.


Da wir – trotz aufmerksamer Nachtwachen (für jeweils fünf Minuten) – kein Nordlicht gesehen haben, werden wir wohl sicher mal zurück kommen, Island hat uns gut gefallen.