La Grande Motte lebt

voll auf im Moment. Es ist Ferienzeit in Frankreich, alle Hotels sind ausgebucht, der Strand ist voll und abends flanieren fröhlich vergnügte Urlauber an der Uferpromenade entlang. Ein ganz anderes Bild bietet sich uns, so kennen wir LGM noch nicht. Mit ein bisschen Wartezeit gibt es noch Platz in den zahlreichen Restaurants, der Höhepunkt der Sommerurlaubswelle ist noch nicht erreicht, erst ab Anfang August wird es richtig voll. Dann beginnen in Frankreich die Betriebsferien und wirklich fast alle starten auf einmal in die großen Ferien. Ein Verteilung so wie bei uns in Deutschland, nach Bundesländern, gibt es bei den Sommerferien nicht – frei für alle zur gleichen Zeit ist das Motto. Für die Kinder ist es genial, 8 Wochen schulfrei ist super, wie es für die Eltern ist, die sicher nicht so viele Ferientage haben, wissen wir nicht.

Statt Fenster haben wir heute grüne Folie

Aber noch wird regulär gearbeitet, auch bei Outremer ist von nahender Ferienstimmung im Moment nichts zu spüren. Heute morgen gab es erst einmal ein kurze Anbordbesprechung mit Stéphane und Christoph, die für den After-Sale-Service zuständig sind und direkt danach ging es los. Zuerst wurden die letzten beiden verkratzten Luken gegen neue ausgetauscht und am Nachmittag wurde das erste große ebenfalls verkratzte Plexiglasfenster ausgebaut. Morgen soll das zweite folgen und schon mit dem Wiedereinbau der neuen Scheiben begonnen werden.

Parallel dazu habe ich angefangen, den Kat von achtern an zu polieren, Cornelia hatte Waschtag, die Altwäscheschublade war zum Bersten voll. Heute Abend zieht eine kleine meteorologische Depression über La Grande Motte hinweg und beschert kräftige südwestliche Winde. Vorhin haben wir beim Aufbau des Nachtkunsthandwerkmarktes zugeschaut. Die Händler hatte alle Hände voll zu tun, damit die Stände, bzw. deren Inhalt nicht wegflogen.

Die Kitesurfer profitieren von der Wetterlage und viele bunte Kiteschirme beleben den wetterbedingt dunkelgefärbten Himmel. Kleine Segelboote und Surfer wuseln dazwischen herum , größere Segelboote ziehen  ihre Bahnen am Horizont, der Eisverkäufer mit seinem Karren singt seine französischen Verkaufslieder, der Strand ist bunt gefleckt von den zahlreichen Sonnenschirmen – das sommerliche Treiben ist vielfältig und bunt.

Fliegengitter sollen die kleinen Vampire draußen halten

Nur die Stechfliegen, die uns in der letzten Nacht zahlreich heimgesucht haben, werden heute Abend ausgesperrt, Antimückenspray wird angewendet werden, die Fliegengitter sind doppelt ausgerollt und in der Steckdose steckt ein Fliegenkiller, hoffentlich hilft das ganze Aufgebot. (Gestern Nacht hat der Skipper 14 – nicht auf einen Streich – aber in den Mückenhimmel geschickt, da konnte man heute die Wände abwaschen…)

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Technisches Update

Zuerst einmal eine gute Nachricht, auf dem kurzen Segelschlag nach Gruissan hat der Mast keinen Mucks mehr von sich gegeben. Das Meer war komplett ruhig und nur an der Oberfläche gab es eine leicht windbedingte Kräuselung, hin und wieder jedoch auch Schwell von passierenden Booten, trotzdem: Kein Knarzgeräusch war mehr zu hören. Heute Mittag soll der südöstliche Wind auffrischen und wir werden zu einem zweiten Testschlag aufbrechen.

Ein weiteres Problem wurde von Pochon, unserer Elektronikausstattungsfirma, für den Moment erfolgreich behoben. Die Instrumente zeigen wieder das an, was sie sollen, der Autopilot steuert brav das Boot. Die Fehlerquelle sitzt vermutlich in unserem Raymarine UKW-Funkgerät, trennt man nämlich das Datenkabel vom Funkgerät, funktionieren alle Instrumente fehlerfrei. Sobald man das Datenkabel wieder mit dem Gerät verbindet, fallen alle Geräte wieder aus. Der einzige Nachteil ohne diese Datenverbindung ist, dass das Funkgerät keine GPS-Positon mehr hat und somit im Seenotfall- Funkverkehr keine Schiffsposition mit übermittelt.

Das ist im Moment mühelos zu verschmerzen, wir befinden uns in keiner kritischen Situation, zumal in der nächsten Woche das defekte Funkgerät ausgetauscht werden soll. (Außerdem könnte unser neues KW-Funkgerät den Job übernehmen.)

Auf dem Rückweg nach LGM sind wir sowieso, es gibt eine relativ kleine 20-Punkte-Liste mit Problemen und Problemchen, die von Outremer behoben werden sollen.

Es gibt noch ‘ne frohe Kunde in die Runde. Die Hexe macht ihrem Namen wieder alle Ehre und segelt dank des glatten und sauberen Unterwasserschiffs mit dem frischen Antifouling sportlich flott durch das blaue nasse Element. Gestern war der Windeinfallswinkel ideal, immer zwischen 100 und 130 Grad und mit dem 190 Quadratmeter großen Code D sind wir so schnell wie der Wind gesegelt. So soll das ja auch sein, das entspricht dem Leistungspotenzial des Bootes, natürlich nur bis zu einer gewissen Windgeschwindigkeit. Alles andere wäre ja zu schön.

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Funkbereit

Seit Monaten lerne ich schon (fast) täglich für die Amateurfunkprüfung, am 25. Juli kommt der Tag der Wahrheit, um neun Uhr muss ich in Eschborn sitzen. Damit wir anschließend sofort losfunken können, haben wir bei Jörg Drexhagen von Yachtfunk.com bereits alle notwendigen Teile bestellt. Seit Mittwoch Mittag war Jörg bei uns an Bord und und hat alles akribisch eingebaut. Er kam – im Gegensatz zu dem Ersatzteil von Lorimar –  anderthalb Tage zu früh, deshalb musste der Einbau unter verschäften Bedingungen erfolgen.

Am ersten Tag waren auch die Jungs von Agréement auf dem Boot, wieder kam ein Kranwagen, hat den Mast angehoben, von Lorimar war (mit Verspätung, Volker hat berichtet) der neue Mastfuß eingetroffen. Leider sitzt der alte Mastfuß soooo fest auf dem Deck der Hexe, dass keiner, und sei es mit großen Hebelkräften denselben bewegen konnte. Zu guterletzt hat man die ebenfalls mitgelieferte Teflonplatte auf den alten Mastfuß gesetzt, den Mast darauf gestellt, jetzt heißt es ausprobieren, ob vielleicht durch diese Maßnahme das Geräusch verschwunden ist.

Jörg hat in diesem ganzen Gewusel absolut die Ruhe behalten, hat seine Ausschnitte in den Geräteteil unseres Kartentischs geschnitten, Kabel verlegt, das Funkgerät eingebaut, einen Spannungswandler hinter das Salonsofa gesetzt.

Am Abend sind wir mit dem Beiboot zu „Chez Janine“ gefahren, und haben uns an leckeren Tapas ergötzt.

Am nächsten Morgen hatte sich Thomas von Pochon angekündigt, um sich um unser Elektronik-Problem zu kümmern. Nun musste Jörg auch noch den Kartentisch mit einem anderen teilen, aber dank guter Vorbereitung hat auch das hervorragend geklappt, es musst ja auch noch der Antennentuner und die sieben Meter hohe Peitschenantenne eingebaut werden. Da wir inzwischen auf dem Trockenen standen, ein großer Kran hatte uns am Morgen aus dem Wasser gehoben, konnten wir abends leider nicht mit dem Beiboot zu Janine, aber ich habe am Spätnachmittag die Gegend mit dem Fahrrad erkundet, und festgestellt, dass in Laufdistanz „La Voile bleue“, das blaue Segel einen gemütlichen Garten und frischesten Fisch anbietet. Hier haben wir vor vielen Jahren schon mal gut zu Mittag gegessen, dort habe ich uns für den Abend einen Tisch reserviert. Nachdem wir Jörg um 19:30 Uhr überreden konnten, jetzt mal Schluss zu machen, haben wir dort wiederum einen netten Abend mit köstlichem Essen in einer sehr entspannten Atmosphäre genossen.

Heute hat Jörg die Kupferfarbe auf den Boden unserer Motorbilge gepinselt, das Mikrophon aufgehängt, dann kam für uns eine Einweisung in Sailmail, und die verschiedenen Frequenzen, auf denen man die Funkrunden oder Wetterberatungen verfolgen kann, nun ist Jörg auf dem Weg nach Hause, wir sind um 16 Uhr mit neuem schwarzen Antifouling wieder ins Wasser gesetzt worden, und im Moment auf dem Weg nach Gruissan. Wenigstens noch fünfundzwanzig Meilen in Richtung La Grande Motte, wo wir ja am Montag sein sollen, und schließlich ist morgen der schöne Samstagsmarkt in Guissan.

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Mit einem Tag Verspätung

Die Segel sind abgeschlagen …

sind wir heute Morgen um kurz vor neun in Canet-en-Roussillon angekommen. Der Grund für die Zeitverzögerung war, dass der neue Mastfuß vom Mastenbauer Lorima gestern noch nicht angeliefert war. Wir sind dadurch lieber ein Tag länger in Argeles geblieben, haben uns nachmittags am Strand gesonnt und sind ein paar Meter geschwommen. Ich habe meine erste Fischbeobachtungstour mit Maske und Schnorchel zu einem abgelegenen Unterwasserfelsen unternommen. Ein kleiner Sardinienschwarm, eine kleine schwarze Muräne und kleine Doraden, gab es zu bestaunen. Die Strände sind schon voll mit Urlaubern und ein ehemaliger Lehrer verkauft geröstete Erdnüsse (chou-chou auf französisch) und Kaffee am Strand. Schon von weitem hört man seine Klingel und das gesungene “Chou-chou”.

Der Baum liegt auf stabilen Stützen …

Zurück nach Canet – jetzt steht die Kiste mit den neuen Teilen vorm Boot und Agreement, die Riggfirma, bereitet alles fürs Mastanheben vor. Die Wanten werden gelockert, das Vorsegel abgeschlagen, innen im Schiff werden die elektrischen Kabel gelöst, der Großbaum wird vom Mast getrennt, ebenso das Großsegel, es gibt also reichlich zu tun für die Riggspezialisten. Die Schwierigkeit beim Mastanheben ist, dass der Mast exakt in der Senkrechten bleiben muss und deshalb ist es ideal, wenn kein Wind auf den Mast drückt. Leider ist die Windprognose nicht ganz so gut, zum Mittag hin soll es mit 5-6 Windstärken wehen. Noch sind aber alle optimistisch, dass das Projekt durchgeht. Eine weitere Herausforderung ist, dass der Mustfuß ist mit dem Deck fest verklebt ist und dieser Kleber erst gelöst werden muss, noch wird überlegt, wie das vonstatten gehen soll.

… neben dem Mast

Der Chef von der Firma, die fürs Antifouling zuständig ist, war auch schon hier. Evtl. wird die Hexe sogar heute Mittag schon aufs Trockene gehoben. Dann muss morgen noch Thomas von Pochon kommen, und die Elektronik wieder auf Vordermann bringen, und morgen Abend kommt Jörg Drexhagen von Yachtfunk.com, und baut zwei Tage lang die SSB-Anlage ein. Es ist also ganz schön was los!

Egal wie, auf jeden Fall sollen wir spätestens am Samstag schon wieder segelklar im Wasser schwimmen, um am nächsten Montag in La Grande Motte einzutreffen. Also: Daumen drücken!

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Ein massiver Sturm

Flaches Wasser in der engen Durchfahrt am Cap Béar

Unsere kleine vorgestrige Segeltour führte uns bei leichten Winden mit vollem Großsegel und dem italienisch bunten Code D nach Argeles, endlich ruhiges Segeln mit einer kleinen moderaten Welle. Handsteuern war angesagt, nicht nur die Navigationselektronik ist ausgefallen, der Autopilot verweigert ebenso den Dienst. Erinnert uns an gute alte Zeiten, unser erstes gemeinsames Schiff, die Optima 101 hatte keine Selbststeueranlage und damit sind wir weit hoch in den Norden, bis nach Schottland gesegelt. Geht natürlich alles!

Die Fahrräder werden zusammengebaut

Während ich hier diese Zeilen schreibe, wühlt draußen ein ungewöhnlicher starker Sommersturm das Meer auf, im Nachbarhafen wurden vor 30 Minuten Böen bis über 120 Stundenkilometern gemessen. Argeles Port ist glücklicherweise von einer nicht ganz so hübschen, aber dafür schützenden Appartmentanlage umgeben, sodass wir trotz dieses massiven Sturmes relativ ruhig liegen. Klar, haben wir mit doppelt geschorene Festmacherleinen, der Kat bietet eine enorm große Windangriffsfläche. Bei Böen über 8 Beaufort fängt der Mast an, in tiefen Tönen zu brummen, aber alles ist besser, als jetzt auf dem Meer zu sein. Dort geht schlichtweg die Post ab. Seit vier Tagen heizen wir wieder, morgens und spät abends ist es richtig richtig frisch im Boot.

Mit Blumenstrauß im Gepäck

Gegen den Wind, ohne Boot, dafür mit dem Fahrrad ging es heute morgen für mich zum Blumen und Kuchen kaufen, denn die Capitania hat Geburtstag.  Gestern habe ich schon ein paar kleinere und größere Geschenke für Cornelia käuflich erstanden. Nur beim Sommerkleidkauf musste sie leider zur Anprobe mit, damit das bunte Stück garantiert passt, auch wenn damit ein Teil der Überraschung futsch war.

Cocktail und Kuchen

Heute Nachmittag gibt es als Apéritif einen kleinen sommerlichen Cocktail, den uns Larissa und Johannes nahegebracht hat. Ich schreib mal auf, was drin ist, wie man den mischt, ist Geschmacksache: Limoncello-Likör, frische Erdbeeren, diese werden mit dem Zauberstab passiert, ein kleiner Teil Wein oder Sekt, das Ganze richtig gut kühlen, dann geht es ohne Eiswürfel schmeckt sommerlich frisch und hat viele Vitamine! (Danach musste der Skipper ganz schnell einen kleinen Erholungsschlaf machen!) Für heute Abend hat das Geburtstagskind ein schönes Restaurant ausgewählt.

Ab morgen Mittag soll der Sturm nachlassen und dann segeln wir die letzten 10 Seemeilen bis nach Canet-en-Roussillon. Am Dienstag wird der Mastschuh und der Mastfuß getauscht, am Mittwoch wird die Hexe vom Kran aus dem Wasser gehoben, um neues Antifouling zu streichen. Dann schau mer weiter!

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Im Gewittersturm

Volker in luftiger Höhe

Blöd, so ein Umweg von 28 Meilen hin und 28 Meilen wieder zurück, aber so ist es. Um 11 Uhr fällt der Anker in der schönen Bucht von Carlo Forte, Volker wird in den Mast gezogen, selbst hier, sagt er, schwankt das in 28 m Höhe noch ganz schön, obwohl kein Wind und keine Welle in die Bucht kommen. Wir befreien den Block, schicken Fotos an Outremer und nutzen die Wartezeit zu einem kleinen Schläfchen. Irgendwie gab es heute Nacht nicht so viel davon.

Mit ausgeklügeltem Plan müsste es gehen

Danach reparieren wir mit unseren Kenntnissen und Bordmitteln die gerissene Leine, nach ausgiebigem Studium der Wetterberichte (und einem Genuss-Bad im blauen Meer) sind wir dann der Meinung, dass wir doch versuchen werden, direkt nach Frankreich zu fahren und nicht den Umweg über  Nord-Sardinien machen, um den Donnerstag abzuwettern. Seit 14:45 sind wir wieder unterwegs, 335 Meilen ,311° liegen vor uns. 17:00 Uhr Baro 1005, 3-4 Knoten Wind aus SW, Motorfahrt; die Wellen sind erstaunlich hoch.

Mein Abendessen ist leider kein so großer Erfolg, obwohl ich eine extra leckere Soße zu den Hühnchenflügeln mit Kartoffelgemüse gemacht habe, Volker hatte beim Anbraten schon das Gefühl, dass etwas mit dem Fleisch nicht stimmt. Hätte er es mal lieber gleich gesagt, dann hätten wir die direkt weggeworfen, und ich hätte was anderes zubereiten können. So haben wir nur die Kartoffeln mit Soße gegessen.

Pünktlich nach dem Abwasch kommt der Wind, zuerst nur leise, 14 Knoten, dann aber richtig, Jetzt haben wir zwei Reffs im Großsegel, eine kleine Genua, damit trotzen wir den bis zu 40 Knoten wahren Wind. Vorhin hat es auch geblitzt rundherum, das ist glücklicherweise weg, mal sehen, wie lange der Zauber hier geht. Bisschen Regen ist auch dabei, ich hole die Segelkleider, aber die legt man echt nur an, wenn man draußen im Regen steht, sonst ist das zu heiß.

Mittwoch 28. Juni 2017, auf See

02:15 Uhr, der Wind dreht auf Südsüdwest, rundherum Gewitterblitze, glücklicherweise relativ weit weg, und sie ziehen auch nach Norden ab. Wir spielen nur mit der Größe der Genua, die zwei Reffs bleiben schön im Großsegel, der Wind bleibt, manchmal nur 14 Knoten, sonst bis 30, und immer wieder zucken die Blitze am nächtlichen Himmel.

03:15 Uhr, Baro 1001, Wind wieder mehr Süd, die Blitze scheinen fortgezogen zu sein.

03:00 Uhr, der Frachter Perseus Liberty passiert uns an BB, ich habe über Funk mit ihm gesprochen, und er sagt zu, dass er genügend Abstand halten wird. Jetzt sind die Blitze überall, der Himmel ist hell erleuchtet, nun hören wir auch den Donner, das Gewitter ist genau über uns und wir können nur hoffen, dass sich nicht ein Blitz in unseren Mast verirrt. Handys, IPad, Laptop und Funkgeräte sind im Backofen zum Schutz. Ich sitze völlig angespannt am Kartentisch und beobachte das Geschehen wie die berühmte Maus vor der Schlange. Wir haben Glück, das Gewitter verzieht sich, ohne unserer Hexe ein Leid zugefügt zu haben. Im AIS sind auch keine weiteren Boote mehr zu sehen, nur weit weg ein Segler namens Alix, 28 m lang, der uns in den frühen Morgenstunden in einiger Entfernung kreuzen soll. Jetzt schlafen wir beide im Salon auf dem Sofa, wachen immer mal auf, überprüfen Segelstellung, Windeinfallswinkel, ob sich ein Schiff nähert, Volker lässt bei einer Flautenperiode den Motor laufen.

Um 07:15 Uhr, Baro 999,5, wir schütten ein Reff aus dem Großsegel aus, TWS um 14 Knoten, wir machen zwischen 8 und 10 Knoten Fahrt. Volker wäscht das Boot, der Regen der Nacht hat roten Saharasand mitgebracht.

ALs ich um 10:30 Uhr aufwache, ist Volker schon dabei zu reffen, die Genua muss verkleinert werden, und wir binden Reff 2 wieder ins Groß. Der Wind dreht immer ungünstiger, mittlerweile fahren wir 30°, wenn wir so weiterfahren würden, kämen wir übermorgen in Genua an.

Seit 13.:00 Uhr motoren wir, es sind nur noch 6 Knoten Wind aus WNW.

Da kommt was auf uns zu

Und dann fängt der aufregende Teil des Tages an. Vor uns hat sich der Horizont verdunkelt, da steht eine große graue Wolke, aus der Blitze zucken. Oh nein, nicht schon wieder! In meinen Grib-Files war für heute die Gewitterwahrscheinlichkeit als sehr gering eingestuft gewesen! Aber das war ja auch Schnee, nee Daten, von gestern. Die Wolke ist jedenfalls ein Fakt, wir können sie auch im Radar sehen, das heißt, dass da ganz viel Niederschlag drin ist. Wir versuchen, den schlimmsten Blitzteil zu meiden, indem wir nach Südwest wegfahren, um das zu umgehen. Das gelingt gut in Bezug auf die Blitze, aber der Niederschlag erwischt uns doch.

Windhose am Horizont

Es bilden sich überall Windhosen, das sieht spektakulär aus. „Lass uns die Segel wegpacken“, bitte ich und schnell wird das Großsegel geborgen, denn solche Gewitterwolken führen jede Menge Wind mit im Gepäck. Kaum ist das Segel unten, kommt der Regen, und mit ihm der Wind, man sieht die Wellen kommen, und den Niederschlag drauf. Bis 42 Knoten Wind zeigt der Windmesser an, meist über 35. Selbst unsere Plastik-Ente hat sich mit einem todesmutigen Sturz ins Cockpit dem Sturm entzogen. Gleich haben wir unser Cockpitzelt dicht gemacht (hoffentlich hält es das aus!), da stürmen schon die Wassermassen über die Stufen herein und mit ihnen kirschgroße Hagelkörner. Die arme Hexe! Nach einer Viertelstunde ist der Spuk vorbei, der Wind fällt auf lockere 10 – 14 Knoten und wir können wieder bei Sonnenschein segeln.

Eine Lücke in den Gewitterwolken?

Leider ist das Glück von kurzer Dauer, die nächste Front kommt am Horizont und auf dem Radar. Die nächste Front reicht vom rechten bis zum linken Horizont, überall zucken Blitze in den dunklen Wolken, nicht schon wieder! Wir versuchen unsere Taktik des Umfahrens des schlimmsten Blitzbereichs, und entdecken eine Lücke, da wollen wir hindurch. Sieht zunächst auch gut aus, bis dahinter erneut Blitze zucken. Jetzt sind wir schon zu weit drin, wir müssen einfach durch und auf Hexes Schutzengel vertrauen.

Anfang …

… und Ende des Regenbogens

Es donnert auch, das Gewitter scheint direkt über uns zu sein. Natürlich haben wir, diesmal noch eher, also wirklich rechtzeitig, das Groß geborgen, und laufen unter Motor durch. Auch hier klappt das gut, diese Wolke führt zwar keinen Hagel, aber dafür heftigen Regen und bis zu 46 Knoten Wind im Gepäck. Diesmal werden wir belohnt, nachdem auch diese Front hinter uns liegt, bildet sich ein wunderschöner Regenbogen, ganz leuchtend, und man kann beide Enden sehen, also einen ganzen bunten Regenbogen. Das gibt es nicht so oft. Wieder Segel gesetzt und weiter gesegelt.

Dunkle Wolken dräuen

Noch eine Front, wieder mit Blitzen, wieder Groß bergen, abwettern und durch.

Mittlerweile ist es Abend geworden, langsam wird es dunkel, da erscheinen doch schon wieder Blitze am Horizont und eine deutlich sichtbare Regenwolke erscheint auf dem Radar. Eigentlich wollten wir gerade das Abendessen zubereiten, ich war dabei, die Bohnen vom tunesischen Markt zu schnippeln, die haben tatsächlich richtige Fädchen, die man ziehen muss, das kenne ich nur noch aus meiner Kindheit. Zunächst Zweifel, ob wir wirklich das Groß bergen müssen, deswegen werden wir diesmal nass beim Bergen, und dann kommen echte Wassermassen herunter, noch mehr als bei den letzten drei Malen, strömen durchs Cockpit und wieder hinaus. Jetzt ist bestimmt der letzte rote Sand weg vom Boot.

Um 22:00 Uhr gibt es endlich Abendessen, danach mal wieder einreffen, weil der Wind auffrischt. Die Nacht verbringen wir beide wieder im Salon, um schnell auf das Wettergeschehen reagieren zu können, gut dass unsere Couch groß genug ist für zwei. Da es keine feindlichen Schiffe gibt, habe ich den Timer meines Handys auf 20 Minuten eingestellt, dazwischen kann man richtig schlafen.

Donnerstag, 29. Juni 2017, 08:00 Uhr, Baro 1005, sonnig, leicht bewölkt, Wind NW 4-5, auf See

Nach einer holprigen Nacht ist ein sonniger Morgen angebrochen, der Wind weht, wie angekündigt, aus Nordwest.  Zunächst um 10 Knoten, Volker hat am frühen Morgen ausgerefft, wir fahren mit Vollzeug. Um 07:30 Uhr frischt der Wind auf 17 – 18 Knoten, wir drehen die Genua ein Stück weg und binden ein Reff ins Groß. Die Wellen haben mittlerweile eine stattliche Höhe erreicht, 3 – 4 m, wenn die Hexe zu schnell wird, knallt sie nach diesen Wassertürmen in die Wellentäler, das ist nicht schön. Amwind ist nicht der Königskurs des Katamarans, da segelt sie doch relativ  unruhig in den „Löwengolfwellen“.

Viele Frachter kreuzen unseren Weg

Seit der Nacht steuert der Autopilot nach dem Wind, das geht sehr gut, nur manchmal reagiert die Steuerung nicht schnell genug auf Winddreher, dann müssen wir eingreifen. Wenn wir heute Abend irgendwo im Hafen oder vor Anker sind, werde ich die Dämpfung verstellen müssen, dann sollte er empfindlicher reagieren. Hier ist verkehrstechnisch deutlich mehr los, vor allem Tanker und Frachter von Barcelona nach Frankreich oder Italien kreuzen unseren Weg.

Alles voller Salz, könnte man sammeln, für die Küche

Gruissan haben wir als Etappenziel aufgegeben, das wäre noch eine elende Kreuzerei, So ist es schon unruhig genug, die Viermeterwellen lassen die Hexe schaukeln, im Schrank sind sogar die großen Weingläser umgefallen, glücklicherweise ohne zu zerbrechen. Keiner weiß nicht mehr, wie oft wir die Genua ein- und wieder ausgerefft haben, das Großsegel ebenfalls, bis sich gegen drei Uhr der Wind beruhigt und auf Nordost dreht. Jetzt werden wir schneller, müssen auch nicht mehr gegen die Wellen anfahren, und um 16:30 fällt der Anker in der Bucht von Roses.

Land an der Bucht von Roses

Der erste Versuch scheitert leider, da war soviel Lehm und Gras, dass der Anker nicht gehalten hat, aber beim 2. Mal sitzt er auf Anhieb fest. Jetzt heißt es aufräumen, weg mit den Segelkleidern, ich bereite einen kleinen Imbiss aus Melone und Schinken, Oliven und Salzstangen vor, dazu ein bis zwei Glas Wein und Bier, um sieben Uhr legen wir uns für ein kurzes Schläfchen hin – und erwachen am nächsten Morgen um sechs!

Außer der Wassertemperatur werden keine Daten angezeigt

Allerdings bin ich um zwei Uhr aufgewacht, und wollte, als gute Navigatrice, überprüfen, ob wir noch am gleichen Ort liegen, also ob der Anker hält. Ich mache die Navigationselektronik an, und, oh Schreck, sehe nichts. Es kommen keine Daten auf den Geräten an, keine Tiefe, kein Wind, keine Position! Mache ich etwas falsch? Ich schalte alle Geräte nochmal aus und wieder an, das gleiche Resultat. Ich suche in den Handbüchern, prüfe die Verkabelungen, probiere alles mögliche aus, die Daten wollen sich nicht zeigen. Auf dem IPad kann ich sehen, dass wir noch an der gleichen Stelle liegen, an der wir geankert haben, also gehe ich um halb fünf frustriert wieder ins Bett. Morgen früh werden wir weiter sehen.

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Problemblues

Das ist der Übeltäter, ziemlich zerstört

Vor einer Stunde ist die Dyneemaleine gerissen, die das Großfall mit dem Großsegel verbindet – einfach so, nicht vorhersehbar, auf einem Amwindkurs. Das Großsegel rauschte führungslos nach unten und verharkte sich mit dem Stausack, dem Lazybag.

Dabei fing gestern alles so verheißungsvoll an, mit der Rückfahrt nach Frankreich. Der Zoll und die Einwanderungerungsbehörde standen pünktlich vorm Schiff und kurz nach dem Ablegen setzte ein konstanter Ostwind ein.

Das Kielwasser sprudelt bei der schnellen Fahrt

Mit vollem Großsegel und unserem Leichtwindsegel, dem Code D, ging es rauschend übers blaue Meer. Die Meilen tickten nur so weg und um 21 Uhr am Abend hatten wir einen neuen Durchschnittsrekord. Einhundertfünf gesegelte Meilen in 12 Stunden, ein Schnitt von 8,75 Knoten. Mit wechselnden, immerhin segelbaren Winden ging es durch die Nacht bis mich Cornelia heute morgen laut rufend, mit nervöser Stimme aus der Freiwache weckte.

Die Hexe von oben

Nachdem wir die Situation evaluiert hatten, war klar, dass ich ganz hoch in den Mast muss, um das abgerissene Ende mit dem Großfall dran nach unten zu ziehen. Es waren zu dem Zeitpunkt noch knapp 300 Seemeilen bis nach Canet en Roussillon. Nur der Gedanke, dass ich bei rollendem und schwankendem Schiff und nur mit einem Fall gesichert die 27 Meter nach oben gehe, rief bei der Capitania eine kleine Panik hervor. Machen wir es kurz, wir haben es versucht, ich war fast, und die Betonung liegt auf fast, ganz oben, bis ich den Halt verloren habe und dabei einmal um den Mast geschleudert wurde, Gott sei Dank ohne mich zu verletzen. Im letzten Moment konnte ich mich an dem äußersten Ende des Wants festhalten und mit einer extra Leine sichern. Versuchsabbruch, direkt. Wir sind jetzt auf dem Rückweg nach Sardinien, bitter die nächtlich erkämpften Meilen wieder zurück zu fahren. In einer ruhigen Ankerbucht soll es wieder nach oben gehen, diesmal ohne Schlingerbewegungen. Wir hoffen dann eine provisorische Reparatur hinzubekommen, die es uns erlaubt, nach Frankreich zurück zu fahren.

Mit all den großen und kleinen Problemen die wir so mit unserer Outremer haben, kommen wir uns so langsam wie Versuchskaninchen vor, die einen Prototyp ausprobieren und kein Serienschiff, sehr sehr ärgerlich.

Blick vom Masttopp auf unsere schöne Ankerbucht

Nun haben wir mit Bordmitteln den Block wieder mit dem Großfall und dem Segelkopf verbunden, probieren mal aus, ob es hält, und wenn alles gut geht, machen wir uns auf den Weg nach Frankreich, ab Freitag Abend tobt im Löwengolf der Mistral, da wollen wir irgendwo im Hafen oder einer gut geschützten Ankerbucht sein.

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Away from Africa

Obwohl der zweite Tag nach Ramadan in der arabischen Welt eigentlich noch ein Feiertag ist, standen Zoll und Immigration pünktlich um acht Uhr vor der Hexe, um unsere Pässe zu stempeln, und uns die Ausreisegenehmigung zu erteilen. Die armen Kerle müssen ja trotz der für heute angesagten 37° in ihren Uniformen rumlaufen, man kann ihnen nur wünschen, dass ihre Büros mit Klimageräten ausgestattet sind. Leider waren die Hafenmeister Muhrat und Mohammed noch nicht im Dienst, sodass wir uns nicht offiziell verabschieden konnten, nur unseren netten französischen Nachbarn haben wir Adieu gesagt.

Die ersten drei Seemeilen gab es überhaupt keinen Wind, seit Cap Blanche fahren wir mit unserem bunten Code D bei 15 – 22 Knoten Wind mit gutem Speed nach Nordwesten. Leider wird das nicht für die nächsten zwei bis drei Tage halten, für Dienstag ist wenig Wind aus unterschiedlichen Richtungen vorhergesagt, und ab Mittwoch früh soll der Mistral uns kräftig auf die Nase wehen. Wir lassen uns einfach mal überraschen.

Gestern war es tagsüber so heiß, dass wir keine großen Ausflüge unternommen haben. Am Vormittag kam Raouf auf einen Abschiedsschwatz an Bord, leider waren seine Damen mit den Vorbereitungen für die zahlreichen für heute erwarteten Verwandschaftsbesuche beschäftigt, wir hätten sie zu gerne ein bisschen bewirtet. Am frühen Abend haben uns unsere französischen Bootsnachbarn auf einen Apéro eingeladen, Volker war glücklich, dass er die kleine nette alte Hündin auf den Schoß nehmen konnte, wir haben extra Leckerli eingesteckt.

Zum Abendessen haben wir versucht, unsere letzten Dinar unters Volk zu bringen, sind aber wieder nur auf 55, mit Trinkgeld auf 60 Dinar gekommen (ca. 20 Euro), selbst mit Schnitzel und Seafood und einem – natürlich alkoholfreien – Cocktail wird das hier nicht mehr. Am Samstag haben wir noch Proviant, Obst, Gemüse und Fleisch für die Überfahrt eingekauft, und selbst um 10 Uhr morgens war es schon so heiß, dass wir uns ein Taxi vom Markt zur Marina geleistet haben. Gut, das war nicht sehr weit, man läuft zu Fuß ca. 12 – 20 Minuten, aber der Fahrer wollte in der Marina weniger als einen Dinar haben, wie geht das denn?

Wenn ich das hier abschicke, sind wir an der Südspitze von Sardinien, dort werden wir noch einmal den Wetterbericht checken und dann sind wir wieder einmal nicht erreichbar. Wir wünschen allen unseren Lesern eine gute Zeit und melden uns, wenn wir in Frankreich angekommen sind.

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Viel Tunesien

Die Flagge vom Segelclub Hoorn neben der tunesischen

Der Skipper: Viel kürzer als ursprünglich gedacht, war der heutige Segelausflug mit unserem tunesischen Freund Raouf und seiner Familie. Der Wetterbericht versprach leichte Winde um 7-10 Knoten, das Meer sollte entsprechend ruhig und wellenlos sein. Alle formellen Anforderungen, damit wir mit einer tunesischen Familie für ein paar Stunden segeln können, waren im Vorfeld seitens der engagierten Hafenverwaltung geregelt worden. Und ich dachte schon beim morgendlichen Blick über die Bucht, ob es überhaupt genügend Wind zum Segeln an diesem sommerlich heißen Samstag geben wird.

Die Herren

und die Damen

Kurz nach 13 Uhr stand die ganze Familie, Vater, Mutter, zwei Töchter und Sohn segelbereit auf dem Steg. Nach einem kurzen Bootsrundgang warfen wir alle Leinen los und nahmen Kurs auf die Hafeneinfahrt. Meine Befürchtungen bezüglich des Windes erwiesen sich als unbegründet, die Wellenspitzen trugen weiße Schaumkrönchen, also mehr als genug Wind zum Segeln, und das kann die Outremer ja bekanntlich gut.

Kleine Lehrstunde

Stolze Rudergängerin Sarah

Souverän steuert Nesrine die Hexe

Kaum waren die weißen Tücher oben und eingetrimmt, zeigte die Logge schon sportliche 10,5 Knoten an, die Bootsbewegungen waren entsprechend. Unsere Fahrt ging vorerst nach Ost, ein flotter Ritt bei nordwestlichen Winden. Alle Mann und Frau probierten sich an der Pinne, wir hatten Spaß, es wurde viel gelacht und viel fotografiert – erste Seemeilen auf einem Segelboot, für (fast erwachsene) Kinder.

Auch Sohn Rafi ist froh

Konzentriert an der Pinne

Bis zu dem Zeitpunkt, an den bei der Mutter der Familie, Houda, sich leider die Geisel der Seekrankheit bemerkbar macht. Man weiß nie, wann und bei wem dieser Feind der Seefahrenden zuschlägt, es kann jeden treffen. Wellen von der Seite verursachen unangenehme Schiffsbewegungen und tun ihr übriges dazu.

Noch lachen Houda und Raouf

Die Ursachen können bekanntermaßen vielfältig sein. Wir haben einfach gewendet und sind gegen gute 4-5 Windstärken zurück zum Hafen gesegelt. Der Vorteil der Seekrankheit ist, dass man von ihr ganz schnell geheilt ist, wenn man erst mal wieder festen Boden unter den Füßen hat, dazu braucht es keinen Arzt.
Heute Abend sind wir bei der Familie zum Essen eingeladen, ich hoffe, dass wir trotz Seekrankheit ein leckeres Essen zubereitet bekommen. Wir haben über diesen Umstand schon beim Segeln gescherzt und dass heute der Skipper für die Wellen und die Folgen vollumfänglich verantwortlich ist, nur zur Ergänzung.:-)))

Kamele auf dem großen Platz

Die Capitania: Glücklicherweise ging es Houda wieder gut, sobald sie festen Boden unter den Füßen hatte. Damit war unser Abendessen gesichert! Pünktlich um Viertel for sieben Uhr stand Abderraouf oder „Raouf“, wie er gerufen wird, mit seinem VW Caravelle am Marina Office. Er ist einfach der geborene Fremdenführer, also gab es eine kleine Tour entlang der schönsten Strände und Strandpromenaden von Bizerte. Und überall wohnt einer, den Raouf kennt, ein Bruder, ein Onkel, der Sohn des Onkels, ein Cousin, oder er winkt einem ehemaligen Arbeitskollegen, der vor uns über die Straße geht. Überhaupt, die Straßen: Wenn es sich ein bisschen staut, wird aus einer einspurigen Landstraße schnell eine dreispurige, die Autos fahren einfach nebeneinander her, dazwischen wuseln Mopeds, Motorräder und Vespas, hier muss man höllisch aufpassen beim Autofahren.

Sonnenuntergang am Cap Blanche

Wir fahren bis zum Cap Blanche, nordwestlich von Bizerte, hier gibt es sensationelle Sonnenuntergänge, und während der Feriensaison ist es richtig voll, sagt Raouf.

Dann sind wir angekommen am Haus der Familie mitten in Bizerte, 10 Minuten zu Fuß vom Strand. Unten wohnt der Bruder mit Familie, in der Mitte die Mutter und das obere Stockwerk ist für die Familie Kefi, allerdings hat Raouf es um eine weitere Etage erweitert. So haben die Eltern ganz oben eine Etage für sich mit Schlafzimmer, Büro und riesiger Dachterrasse, während im unteren Stockwerk ein rosa dekoriertes Zimmer den jungen Damen gehört, ein Zimmer mit blauen Wänden und Vorhängen ist für Rafi, den 16-jährigen Sohn, außerdem haben eine geräumige Küche und ein großzügiges Wohn-/Esszimmer Platz.

Blick von der Dachterrasse bis übers Meer

Es ist warm im Gebäude, und noch hat der Muezzin nicht gerufen, dass die Fastenzeit des Tages zu Ende ist, wir warten auf der Dachterrasse auf die mittlerweile vertrauten Klänge, mit denen der Sonnenuntergang besiegelt wird, danach strömen in allen Häusern die Menschen zum Esstisch, trinken erst einmal einen großen Schluck Wasser nach der Abstinenz des Tages, dann wird der Hunger gestillt.

Und der Tisch steht voll mit tunesischen Köstlichkeiten, Salade meschoui, eine scharfe Speise aus geschmorten Paprika, Tomaten, Knoblauch und Olivenöl, verfeinert mit Thunfisch und verziert mit hartgekochten Eiern, ein feiner Salat aus ganz klein geschnittenen Gurken, Tomaten und Zwiebeln, Tellern voller Bricks, jenen kunstvoll gefalteten gefüllten Teigtaschen, an denen Volker sich gar nicht sattessen kann, so lecker sind sie, natürlich jede Menge Brot, und in der Mitte ein wahrhaft königliches Couscous, dem Gast zuliebe mit überaus köstlichem Lammfleisch anstelle der sonst eher üblichen Variante mit Fisch. Mehr solle er essen, sagt Raouf zu Volker, es wird nicht aufgestanden, ehe alle Schüsseln leer sind. Nun gut, das schaffen wir nicht ganz, dafür gibt es zum Nachtisch auch noch frisches Obst, Weinbergpfirsische und Feigen, so süß und fein, wie sie bei uns niemals reifen könnten.

Danach sind wir alle zurück auf die Dachterrasse gestiegen, die Mädels haben schnell noch abgewaschen, und wir haben dort mit köstlichem Tee und verschiedenen Erfrischungsgetränken einen wahrhaft himmlischen Abend verlebt, einander die verschiedenen Kulturen näher gebracht. Wie funktionieren Krankenhäuser in Tunesien (Houda ist als MTA zuständig für die Narkosen im hiesigen Krankenhaus, es gibt für alle Stationen ansonsten nur einen einzige Anästhesisten); gibt es einen Staubsauger bei uns an Bord; die Mädels studieren BWL und Jura, aber ihre kleinen möblierten Wohnungen haben sie nur während des Semesters, im Sommer werden sie für viel mehr Geld an Touristen vermietet; welche Länder haben uns am meisten beeindruckt, und sie laden sich noch schnell meine Sternen-App herunter, damit sie des Abends auf der Terrasse die umgebenden Sternbilder benennen können, usw., usw. Um Mitternacht schwirrt uns der Kopf und Raouf fährt uns nachhause zum Boot.

Nicht nur Fremdenführer in Bizerte oder Tunis, Raouf hat viele Jobs

Dabei gibt es gleich den nächsten Grund zum Staunen: Obwohl es mittlerweile nach 24 Uhr ist, sind die Straßen und die Plätze und die Rasenflächen voller Familien mit Kindern, sie haben sich Decken und Proviant mitgebracht, und picknicken in den Parkanlagen entlang der Strandpromenade, gut, dass es keinen Alkohol gibt, die Leute gehen so direkt vor den Autos über die Straße, dass es uns Angst und Bange wird. Die Stadt ist voller promenierender Menschen, und noch bis weit nach zwei Uhr hören wir die Lifemusik von der Bar an der Ecke. Es ist das Ende von Ramadan, jetzt wird richtig gefeiert.

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Ausflugstag

Soviel vorweg, heute ist für mich, für uns, ein ganz besonderer Tag und an solchen Tagen muss man etwas ganz Besonderes machen. Aber erst einmal will ich mit dem Anlass herausrücken, Larissa, meine Tochter hat am heutigen Tage Geburtstag und wird junge 22 Jahre alt. Ein Grund zum Feiern für Sie und ein besonderer Tag für den stolzen Vater. Auch wenn wir gerade gut 1.700 Kilometer voneinander getrennt sind.

Gestern waren wir beim hiesigen Hafenmeister und haben mit ihm die verschiedenen Möglichkeiten besprochen, um regionale Sehenswürdigkeiten und die nahegelegene Zwei-Millionen-Einwohnerstadt Tunis besichtigen zu können. Kein Problem, er kennt einen regionalen (Fremden)-Führer, der uns Menschen, Sehenswürdigkeiten und Historie nahe bringt.

Volker mit unseren zwei Fremdenführern Nesrin und Kefi

Pünktlich um 9 Uhr stand Kefi Abderraout mit seiner charmanten ebenfalls 22 Jahre jungen Tochter Nesrem  und seinem Vw-Bus vor dem Hafenmeistergebäude. Schon ging es los,, auf die Autobahn in Richtung Tunis. Auf der Fahrt dorthin haben wir soviel Informationen über unser europäisches und das tunesische Leben ausgetauscht, dass mir der Kopf von all dem französischen Vokabular schon so geraucht hat. Unsere beiden Führer können auch bestes Englisch sprechen, nur zur Info. Erster Stopp war das Nationalmuseum von Bardo, die Sammlung gilt als eine der größten Mosaikensammlungen der Welt.

Kacheln …

Odysseus, dem Gesang der Sirenen lauschend

Neptun

Was man dort an historischen Mosaikbildern zu sehen bekommt, ist faszinierend, soviele abertausende kleine Steinpuzzelchen, die zusammengefügt ein einzigartiges Bild ergeben, haben uns schon sehr eindruckt.

Einschusslöcher vom Attentat

Nicht minder mitgefühlt haben wir, als Kefi uns ein unschönes Kapitel des Museums zeigte. An einigen Stellen sieht man Einschusslöcher in der Wand, weil genau dieses historisch einzigartige Museum das Ziel eines perfiden Anschlags war, den zwei Terroristen im Frühjahr 2015 ausübten und bei dem 20 unschuldige Menschen den Tod fanden. Die Einschüsse im Fahrstuhl, Treppengeländer, Mobiliar und in den Marmorböden wurden zur Erinnerung so belassen, wie sie sind, am Eingang des Museums gibt es eine Gedenkstätte. Soll man trotzdem Bardo besuchen? Auf jeden Fall, weder der historische Ort kann etwas für dieses feige Attentat, es gibt sowieso keine verbriefte Sicherheit, nirgendwo auf dieser Welt. Den Rest muss jeder für sich selbst entscheiden.

I love Tunis

Die französische Botschaft in Tunis – verrammelt wie im Krieg

Von dort aus machten wir eine kleine Stadtrundfahrt durch die mit reichlich Verkehr gut gefüllten Straßen von Tunis. Da wollen wir beim nächsten Besuch (und wenn kein Ramadan ist) mal ein paar Tage verbringen, genauso haben wir mit Kefi und Nesrem einen Ausflug in die 500 Kilometer entfernte südliche Wüste besprochen, aber das ist Zukunftsmusik.

Blick von Karthago über die Bucht

Nach dem knapp zweistündigen Besuch im Museum ging es weiter nach Karthago, dem Ort, in dem Hannibal geboren wurde und von dem er aufbrach, um Rom zu erobern. Karthago und die angrenzende Gegend war die Kornkammer der Römer. Allein der Plan vom Handelshafen lässt erahnen, wie wichtig Karthago für das römische Reich war. Römische Ruinen gibt es jedenfalls dort zuhauf und einen grandiosen Blick über Tunis mit der angrenzenden Meeresbucht gratis dazu.

Direkt nebenan steht eine große, ehemals christliche Kathedrale mit arabischen Stilelementen, die in der heutigen Zeit für Trauungen, Konzerte und regionale Veranstaltungen genutzt wird. Von außen sieht das Bauwerk vertraut aus, vom europäischen Gesichtspunkt her, innen hat es jedoch einige Überraschungen zu bieten.

Der amerikanische Friedhof

Von dort aus haben wir einen amerikanischen Militärfriedhof mit informativen Schautafeln über die Invasion der deutschen Wehrmacht in Nordafrika und der Gegenoffensive des Alliierten, während des zweiten Weltkrieges besucht. Hohe Verluste an Menschenleben gab es leider auf beiden Seiten in diesem Teil Nordafrikas, der Friedhof ist für einige ein stiller Ort des Gedenkens.

Zum Abschluss ging es in die wunderschöne Stadt, Sidi Bou Said, klingt fremd, ist fremd, aber auch genau so einzigartig schön.

Der Hafen von Sidi Bou Said

Sidi Bou Said Altstadt

Was für ein Blick

Bizerte bietet viel tolle fotogene Ecken, aber Sidi Bou Said ist eine echte Perle, mit einem Ortskern zum Verlieben, mit der besten Aussicht, die eine Stadt bieten kann – hin zum Meer in eine hufeisenförmige Bucht.

Neben all den besuchten Orten bietet Tunesien soviel an neuen Eindrücken und Impressionen, allein bei einer banalen Autofahrt, dass man irgendwann, gefühlt nicht mehr aufnahmefähig ist, so wie ich im Moment, in dem ich das hier “zu Papier“ bringe. Um 17 Uhr waren wir zurück an Bord, nicht ohne von unseren beiden liebenswerten Fremdenführern zu einem Abendessen in den nächsten Tagen zu sich nach Hause eingeladen zu werden. Da freuen wir uns schon sehr darauf und haben natürlich die Einladung sehr gerne angenommen.

Viele weitere Bilder haben wir hochgeladen in den Ordner “Tunis” unter der Bildergalerie.

Zum Schluss nochmal ein Appell, auf geht’s, ihr Segler, segelt nach Tunesien, taucht ein in eine andere Welt, lasst Euch von Land und Leuten genau so beeindrucken wie wir, es lohnt sich!

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