Im Gewittersturm

Volker in luftiger Höhe

Blöd, so ein Umweg von 28 Meilen hin und 28 Meilen wieder zurück, aber so ist es. Um 11 Uhr fällt der Anker in der schönen Bucht von Carlo Forte, Volker wird in den Mast gezogen, selbst hier, sagt er, schwankt das in 28 m Höhe noch ganz schön, obwohl kein Wind und keine Welle in die Bucht kommen. Wir befreien den Block, schicken Fotos an Outremer und nutzen die Wartezeit zu einem kleinen Schläfchen. Irgendwie gab es heute Nacht nicht so viel davon.

Mit ausgeklügeltem Plan müsste es gehen

Danach reparieren wir mit unseren Kenntnissen und Bordmitteln die gerissene Leine, nach ausgiebigem Studium der Wetterberichte (und einem Genuss-Bad im blauen Meer) sind wir dann der Meinung, dass wir doch versuchen werden, direkt nach Frankreich zu fahren und nicht den Umweg über  Nord-Sardinien machen, um den Donnerstag abzuwettern. Seit 14:45 sind wir wieder unterwegs, 335 Meilen ,311° liegen vor uns. 17:00 Uhr Baro 1005, 3-4 Knoten Wind aus SW, Motorfahrt; die Wellen sind erstaunlich hoch.

Mein Abendessen ist leider kein so großer Erfolg, obwohl ich eine extra leckere Soße zu den Hühnchenflügeln mit Kartoffelgemüse gemacht habe, Volker hatte beim Anbraten schon das Gefühl, dass etwas mit dem Fleisch nicht stimmt. Hätte er es mal lieber gleich gesagt, dann hätten wir die direkt weggeworfen, und ich hätte was anderes zubereiten können. So haben wir nur die Kartoffeln mit Soße gegessen.

Pünktlich nach dem Abwasch kommt der Wind, zuerst nur leise, 14 Knoten, dann aber richtig, Jetzt haben wir zwei Reffs im Großsegel, eine kleine Genua, damit trotzen wir den bis zu 40 Knoten wahren Wind. Vorhin hat es auch geblitzt rundherum, das ist glücklicherweise weg, mal sehen, wie lange der Zauber hier geht. Bisschen Regen ist auch dabei, ich hole die Segelkleider, aber die legt man echt nur an, wenn man draußen im Regen steht, sonst ist das zu heiß.

Mittwoch 28. Juni 2017, auf See

02:15 Uhr, der Wind dreht auf Südsüdwest, rundherum Gewitterblitze, glücklicherweise relativ weit weg, und sie ziehen auch nach Norden ab. Wir spielen nur mit der Größe der Genua, die zwei Reffs bleiben schön im Großsegel, der Wind bleibt, manchmal nur 14 Knoten, sonst bis 30, und immer wieder zucken die Blitze am nächtlichen Himmel.

03:15 Uhr, Baro 1001, Wind wieder mehr Süd, die Blitze scheinen fortgezogen zu sein.

03:00 Uhr, der Frachter Perseus Liberty passiert uns an BB, ich habe über Funk mit ihm gesprochen, und er sagt zu, dass er genügend Abstand halten wird. Jetzt sind die Blitze überall, der Himmel ist hell erleuchtet, nun hören wir auch den Donner, das Gewitter ist genau über uns und wir können nur hoffen, dass sich nicht ein Blitz in unseren Mast verirrt. Handys, IPad, Laptop und Funkgeräte sind im Backofen zum Schutz. Ich sitze völlig angespannt am Kartentisch und beobachte das Geschehen wie die berühmte Maus vor der Schlange. Wir haben Glück, das Gewitter verzieht sich, ohne unserer Hexe ein Leid zugefügt zu haben. Im AIS sind auch keine weiteren Boote mehr zu sehen, nur weit weg ein Segler namens Alix, 28 m lang, der uns in den frühen Morgenstunden in einiger Entfernung kreuzen soll. Jetzt schlafen wir beide im Salon auf dem Sofa, wachen immer mal auf, überprüfen Segelstellung, Windeinfallswinkel, ob sich ein Schiff nähert, Volker lässt bei einer Flautenperiode den Motor laufen.

Um 07:15 Uhr, Baro 999,5, wir schütten ein Reff aus dem Großsegel aus, TWS um 14 Knoten, wir machen zwischen 8 und 10 Knoten Fahrt. Volker wäscht das Boot, der Regen der Nacht hat roten Saharasand mitgebracht.

ALs ich um 10:30 Uhr aufwache, ist Volker schon dabei zu reffen, die Genua muss verkleinert werden, und wir binden Reff 2 wieder ins Groß. Der Wind dreht immer ungünstiger, mittlerweile fahren wir 30°, wenn wir so weiterfahren würden, kämen wir übermorgen in Genua an.

Seit 13.:00 Uhr motoren wir, es sind nur noch 6 Knoten Wind aus WNW.

Da kommt was auf uns zu

Und dann fängt der aufregende Teil des Tages an. Vor uns hat sich der Horizont verdunkelt, da steht eine große graue Wolke, aus der Blitze zucken. Oh nein, nicht schon wieder! In meinen Grib-Files war für heute die Gewitterwahrscheinlichkeit als sehr gering eingestuft gewesen! Aber das war ja auch Schnee, nee Daten, von gestern. Die Wolke ist jedenfalls ein Fakt, wir können sie auch im Radar sehen, das heißt, dass da ganz viel Niederschlag drin ist. Wir versuchen, den schlimmsten Blitzteil zu meiden, indem wir nach Südwest wegfahren, um das zu umgehen. Das gelingt gut in Bezug auf die Blitze, aber der Niederschlag erwischt uns doch.

Windhose am Horizont

Es bilden sich überall Windhosen, das sieht spektakulär aus. „Lass uns die Segel wegpacken“, bitte ich und schnell wird das Großsegel geborgen, denn solche Gewitterwolken führen jede Menge Wind mit im Gepäck. Kaum ist das Segel unten, kommt der Regen, und mit ihm der Wind, man sieht die Wellen kommen, und den Niederschlag drauf. Bis 42 Knoten Wind zeigt der Windmesser an, meist über 35. Selbst unsere Plastik-Ente hat sich mit einem todesmutigen Sturz ins Cockpit dem Sturm entzogen. Gleich haben wir unser Cockpitzelt dicht gemacht (hoffentlich hält es das aus!), da stürmen schon die Wassermassen über die Stufen herein und mit ihnen kirschgroße Hagelkörner. Die arme Hexe! Nach einer Viertelstunde ist der Spuk vorbei, der Wind fällt auf lockere 10 – 14 Knoten und wir können wieder bei Sonnenschein segeln.

Eine Lücke in den Gewitterwolken?

Leider ist das Glück von kurzer Dauer, die nächste Front kommt am Horizont und auf dem Radar. Die nächste Front reicht vom rechten bis zum linken Horizont, überall zucken Blitze in den dunklen Wolken, nicht schon wieder! Wir versuchen unsere Taktik des Umfahrens des schlimmsten Blitzbereichs, und entdecken eine Lücke, da wollen wir hindurch. Sieht zunächst auch gut aus, bis dahinter erneut Blitze zucken. Jetzt sind wir schon zu weit drin, wir müssen einfach durch und auf Hexes Schutzengel vertrauen.

Anfang …

… und Ende des Regenbogens

Es donnert auch, das Gewitter scheint direkt über uns zu sein. Natürlich haben wir, diesmal noch eher, also wirklich rechtzeitig, das Groß geborgen, und laufen unter Motor durch. Auch hier klappt das gut, diese Wolke führt zwar keinen Hagel, aber dafür heftigen Regen und bis zu 46 Knoten Wind im Gepäck. Diesmal werden wir belohnt, nachdem auch diese Front hinter uns liegt, bildet sich ein wunderschöner Regenbogen, ganz leuchtend, und man kann beide Enden sehen, also einen ganzen bunten Regenbogen. Das gibt es nicht so oft. Wieder Segel gesetzt und weiter gesegelt.

Dunkle Wolken dräuen

Noch eine Front, wieder mit Blitzen, wieder Groß bergen, abwettern und durch.

Mittlerweile ist es Abend geworden, langsam wird es dunkel, da erscheinen doch schon wieder Blitze am Horizont und eine deutlich sichtbare Regenwolke erscheint auf dem Radar. Eigentlich wollten wir gerade das Abendessen zubereiten, ich war dabei, die Bohnen vom tunesischen Markt zu schnippeln, die haben tatsächlich richtige Fädchen, die man ziehen muss, das kenne ich nur noch aus meiner Kindheit. Zunächst Zweifel, ob wir wirklich das Groß bergen müssen, deswegen werden wir diesmal nass beim Bergen, und dann kommen echte Wassermassen herunter, noch mehr als bei den letzten drei Malen, strömen durchs Cockpit und wieder hinaus. Jetzt ist bestimmt der letzte rote Sand weg vom Boot.

Um 22:00 Uhr gibt es endlich Abendessen, danach mal wieder einreffen, weil der Wind auffrischt. Die Nacht verbringen wir beide wieder im Salon, um schnell auf das Wettergeschehen reagieren zu können, gut dass unsere Couch groß genug ist für zwei. Da es keine feindlichen Schiffe gibt, habe ich den Timer meines Handys auf 20 Minuten eingestellt, dazwischen kann man richtig schlafen.

Donnerstag, 29. Juni 2017, 08:00 Uhr, Baro 1005, sonnig, leicht bewölkt, Wind NW 4-5, auf See

Nach einer holprigen Nacht ist ein sonniger Morgen angebrochen, der Wind weht, wie angekündigt, aus Nordwest.  Zunächst um 10 Knoten, Volker hat am frühen Morgen ausgerefft, wir fahren mit Vollzeug. Um 07:30 Uhr frischt der Wind auf 17 – 18 Knoten, wir drehen die Genua ein Stück weg und binden ein Reff ins Groß. Die Wellen haben mittlerweile eine stattliche Höhe erreicht, 3 – 4 m, wenn die Hexe zu schnell wird, knallt sie nach diesen Wassertürmen in die Wellentäler, das ist nicht schön. Amwind ist nicht der Königskurs des Katamarans, da segelt sie doch relativ  unruhig in den „Löwengolfwellen“.

Viele Frachter kreuzen unseren Weg

Seit der Nacht steuert der Autopilot nach dem Wind, das geht sehr gut, nur manchmal reagiert die Steuerung nicht schnell genug auf Winddreher, dann müssen wir eingreifen. Wenn wir heute Abend irgendwo im Hafen oder vor Anker sind, werde ich die Dämpfung verstellen müssen, dann sollte er empfindlicher reagieren. Hier ist verkehrstechnisch deutlich mehr los, vor allem Tanker und Frachter von Barcelona nach Frankreich oder Italien kreuzen unseren Weg.

Alles voller Salz, könnte man sammeln, für die Küche

Gruissan haben wir als Etappenziel aufgegeben, das wäre noch eine elende Kreuzerei, So ist es schon unruhig genug, die Viermeterwellen lassen die Hexe schaukeln, im Schrank sind sogar die großen Weingläser umgefallen, glücklicherweise ohne zu zerbrechen. Keiner weiß nicht mehr, wie oft wir die Genua ein- und wieder ausgerefft haben, das Großsegel ebenfalls, bis sich gegen drei Uhr der Wind beruhigt und auf Nordost dreht. Jetzt werden wir schneller, müssen auch nicht mehr gegen die Wellen anfahren, und um 16:30 fällt der Anker in der Bucht von Roses.

Land an der Bucht von Roses

Der erste Versuch scheitert leider, da war soviel Lehm und Gras, dass der Anker nicht gehalten hat, aber beim 2. Mal sitzt er auf Anhieb fest. Jetzt heißt es aufräumen, weg mit den Segelkleidern, ich bereite einen kleinen Imbiss aus Melone und Schinken, Oliven und Salzstangen vor, dazu ein bis zwei Glas Wein und Bier, um sieben Uhr legen wir uns für ein kurzes Schläfchen hin – und erwachen am nächsten Morgen um sechs!

Außer der Wassertemperatur werden keine Daten angezeigt

Allerdings bin ich um zwei Uhr aufgewacht, und wollte, als gute Navigatrice, überprüfen, ob wir noch am gleichen Ort liegen, also ob der Anker hält. Ich mache die Navigationselektronik an, und, oh Schreck, sehe nichts. Es kommen keine Daten auf den Geräten an, keine Tiefe, kein Wind, keine Position! Mache ich etwas falsch? Ich schalte alle Geräte nochmal aus und wieder an, das gleiche Resultat. Ich suche in den Handbüchern, prüfe die Verkabelungen, probiere alles mögliche aus, die Daten wollen sich nicht zeigen. Auf dem IPad kann ich sehen, dass wir noch an der gleichen Stelle liegen, an der wir geankert haben, also gehe ich um halb fünf frustriert wieder ins Bett. Morgen früh werden wir weiter sehen.

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Ein Kommentar zu Im Gewittersturm

  1. Astrid sagt:

    Ihr macht uns fertig !! Das ist ja spannnend zu lesen, wie ein Krimi ! ERHOLT EUCH GUT !

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