Meuterei?!

Der Capitania stehen die Haare zu Berge

Der Capitania stehen die Haare zu Berge

22. November 2015, Sonntag, Baro 1000, sonnig, kühl, Wind NNW zunächst um 5 Beaufort
St. Tropez 10:00 – Cannes 14:30, 24 sm

Den ganzen Abend hat der Wind mit bis zu 100 Stundenkilometern hier im Hafen unser Boot schaukeln und an den Leinen ziehen lassen wie ein ungezügeltes Pferd. Erst gegen Mitternacht konnten wir uns darauf einigen, dass es jetzt nur noch ca. 40 Knoten in Böen waren. Aber seit acht Uhr heute früh lässt der Wind – ein bisschen – nach. Volker muss segeln! Ich habe gerade gar keine Lust, mir ist es zu kalt, zuviel Wind und überhaupt. Mein Vorschlag, wegen des noch immer heulenden Windes, doch morgen nach Cannes zu fahren, stößt auf taube Ohren. “Heute stimmt doch die Windrichtung noch! Und außerdem sind es ja nur noch 10 Knoten Wind.” Das stimmte, wenn auch nur kurzfristig.

Noch weht ein ordentlicher Wind

Noch weht ein ordentlicher Wind

Mit einem gekonnten Mannöver bringt Volker uns sicher aus der Box und in die Bucht von St. Tropez, schnell das Groß bis Reff 1 gesetzt, die Fock darf erstmal ganz raus, bis der Wind auf über 22 Knoten auffrischt, dann muss auch sie ein bisschen verkleinert werden. Die Wellen sind bei dieser Windrichtung tatsächlich moderat, und nach einer Stunde lässt der Wind spürbar nach. Also wird zuerst die Fock, dann das Großsegel ausgerefft, leider dreht der Wind dabei auf Nord, hoffentlich nicht weiter auf Nordost, sonst müssen wir am Ende noch kreuzen. Aber in Hoorn, unserem alten Heimathafen in den Niederlanden, ist heute auch Regatta, und auch da muss man kreuzen, und da ist es noch ein bisschen kälter. Bei uns scheint die Sonne, und wir haben eine großartige Fernsicht bis hin zu den schneebeckten Seealpen kann man schauen.

Der Klügere gibt nach, oder?

Der Klügere gibt nach, oder?

Hier ist außer uns kein Boot auf dem Wasser, in Holland wären an so einem schönen Sonntag wahrscheinlich hunderte unterwegs, getreu dem Motto: “Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln geh’n.” Und jetzt ist es doch allerschönstes Segeln geworden, ich bin wieder mit meinem Schicksal als  Skippersfrau versöhnt und erfreue mich am Sonnenschein.

La Chrétienne

La Chrétienne

Leider schläft ab der “Chrétienne”, der großen Gefahrentonne an der “Eceuil des Vieilles”, der Wind immer mehr ein. Wir versuchen es mit kreuzen, aber, bedingt durch die Strömung, treiben wir rückwärts. Volker hat es ja schon gesagt, “ab der Schnauze des Drachens”, wie sie hier die kleine Bergkette nennen, “geht eh der Wind weg”. Alle Aufregung umsonst, heute morgen…

Um 13:30 Uhr darf der Motor wieder schweigen, wir treiben bei leichtestem Wind dem fünfeinhalb Meilen entfernten Cannes entgegen. Auch hier, direkt an der Küste, ist das Mittelmeer schon wieder so tief, dass unser Tiefenmesser den Dienst verweigert und immer nur die letzte Messung anzeigt. Das kann mal 110 m sein, mal 140, aber auch schon mal nur sechs, vielleicht falls ein Fischschwarm unterm Boot durchgegangen ist?

Eingemummelt aber glücklich

Eingemummelt aber glücklich

Während ich das hier geschrieben habe, ging schon wieder der Motor an, die nächsten fünf Minuten fahren wir unter Maschine, dann hat endlich der Wind auf Ost gedreht und weht mit netten 8-10 Knoten, der Skipper zieht die Handschuhe wieder an, nimmt das Rad in die Hand und ist ganz in seinem Element.

Und noch etwas müssen wir revidieren: Hier in der Bucht von Cannes sind ganz viele Segelboote unterwegs, im westlichen Teil, vor Port La Napoule, findet eine Regatta mit Dickschiffen statt, eine weitere mit Jollen ganz im Osten, und einige Segler sind einfach so unterwegs.

Das meint der Skipper dazu:

Bei uns an Bord kann es keine Meuterei geben.

Meuterei bedeutet laut Duden, Wikipedia und ähnlichen Quellen, dass nicht nur die Dienstpflicht nicht erfüllt wird, sondern zudem noch gegen den Vorgesetzten rebelliert wird.

Da kann reinformaltextlich Cornelia gar keine Meuterei anzetteln. Weder ist sie mir gegenüber dienstverpflichtet, sie ist ja mit mir verheiratet und nicht meine Angestellte. Alle Dienste an Bord verrichtet sie, ohne dafür eine bezahlte Heuer zu erhalten 🙂 Auch bin ich nicht ihr Vorgesetzter, wenngleich sie mich gerne als ihren Skipper bezeichnet. 

Man kann es daher eher als eine sanfte Rebellion beschreiben, was sich heute hier an Bord ereignet hat. Ausgefochten und angestachelt durch und mit den Waffen einer Frau. Da kann Mann natürlich schon mal schwach werden. Heute hat sich aber die Vernunft gegenüber den Emotionen durchgesetzt. Sonst sind wir das basisdemokratischst besetzte Schiff auf der Nordhalbkugel. Weil, wie heißt es so schön: Die kluge Frau folgt ihrem Mann – wohin sie will.

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