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  • Meuterei?!

    Der Capitania stehen die Haare zu Berge
    Der Capitania stehen die Haare zu Berge

    22. November 2015, Sonntag, Baro 1000, sonnig, kühl, Wind NNW zunächst um 5 Beaufort
    St. Tropez 10:00 – Cannes 14:30, 24 sm

    Den ganzen Abend hat der Wind mit bis zu 100 Stundenkilometern hier im Hafen unser Boot schaukeln und an den Leinen ziehen lassen wie ein ungezügeltes Pferd. Erst gegen Mitternacht konnten wir uns darauf einigen, dass es jetzt nur noch ca. 40 Knoten in Böen waren. Aber seit acht Uhr heute früh lässt der Wind – ein bisschen – nach. Volker muss segeln! Ich habe gerade gar keine Lust, mir ist es zu kalt, zuviel Wind und überhaupt. Mein Vorschlag, wegen des noch immer heulenden Windes, doch morgen nach Cannes zu fahren, stößt auf taube Ohren. “Heute stimmt doch die Windrichtung noch! Und außerdem sind es ja nur noch 10 Knoten Wind.” Das stimmte, wenn auch nur kurzfristig.

    Noch weht ein ordentlicher Wind
    Noch weht ein ordentlicher Wind

    Mit einem gekonnten Mannöver bringt Volker uns sicher aus der Box und in die Bucht von St. Tropez, schnell das Groß bis Reff 1 gesetzt, die Fock darf erstmal ganz raus, bis der Wind auf über 22 Knoten auffrischt, dann muss auch sie ein bisschen verkleinert werden. Die Wellen sind bei dieser Windrichtung tatsächlich moderat, und nach einer Stunde lässt der Wind spürbar nach. Also wird zuerst die Fock, dann das Großsegel ausgerefft, leider dreht der Wind dabei auf Nord, hoffentlich nicht weiter auf Nordost, sonst müssen wir am Ende noch kreuzen. Aber in Hoorn, unserem alten Heimathafen in den Niederlanden, ist heute auch Regatta, und auch da muss man kreuzen, und da ist es noch ein bisschen kälter. Bei uns scheint die Sonne, und wir haben eine großartige Fernsicht bis hin zu den schneebeckten Seealpen kann man schauen.

    Der Klügere gibt nach, oder?
    Der Klügere gibt nach, oder?

    Hier ist außer uns kein Boot auf dem Wasser, in Holland wären an so einem schönen Sonntag wahrscheinlich hunderte unterwegs, getreu dem Motto: “Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln geh’n.” Und jetzt ist es doch allerschönstes Segeln geworden, ich bin wieder mit meinem Schicksal als  Skippersfrau versöhnt und erfreue mich am Sonnenschein.

    La Chrétienne
    La Chrétienne

    Leider schläft ab der “Chrétienne”, der großen Gefahrentonne an der “Eceuil des Vieilles”, der Wind immer mehr ein. Wir versuchen es mit kreuzen, aber, bedingt durch die Strömung, treiben wir rückwärts. Volker hat es ja schon gesagt, “ab der Schnauze des Drachens”, wie sie hier die kleine Bergkette nennen, “geht eh der Wind weg”. Alle Aufregung umsonst, heute morgen…

    Um 13:30 Uhr darf der Motor wieder schweigen, wir treiben bei leichtestem Wind dem fünfeinhalb Meilen entfernten Cannes entgegen. Auch hier, direkt an der Küste, ist das Mittelmeer schon wieder so tief, dass unser Tiefenmesser den Dienst verweigert und immer nur die letzte Messung anzeigt. Das kann mal 110 m sein, mal 140, aber auch schon mal nur sechs, vielleicht falls ein Fischschwarm unterm Boot durchgegangen ist?

    Eingemummelt aber glücklich
    Eingemummelt aber glücklich

    Während ich das hier geschrieben habe, ging schon wieder der Motor an, die nächsten fünf Minuten fahren wir unter Maschine, dann hat endlich der Wind auf Ost gedreht und weht mit netten 8-10 Knoten, der Skipper zieht die Handschuhe wieder an, nimmt das Rad in die Hand und ist ganz in seinem Element.

    Und noch etwas müssen wir revidieren: Hier in der Bucht von Cannes sind ganz viele Segelboote unterwegs, im westlichen Teil, vor Port La Napoule, findet eine Regatta mit Dickschiffen statt, eine weitere mit Jollen ganz im Osten, und einige Segler sind einfach so unterwegs.

    Das meint der Skipper dazu:

    Bei uns an Bord kann es keine Meuterei geben.

    Meuterei bedeutet laut Duden, Wikipedia und ähnlichen Quellen, dass nicht nur die Dienstpflicht nicht erfüllt wird, sondern zudem noch gegen den Vorgesetzten rebelliert wird.

    Da kann reinformaltextlich Cornelia gar keine Meuterei anzetteln. Weder ist sie mir gegenüber dienstverpflichtet, sie ist ja mit mir verheiratet und nicht meine Angestellte. Alle Dienste an Bord verrichtet sie, ohne dafür eine bezahlte Heuer zu erhalten 🙂 Auch bin ich nicht ihr Vorgesetzter, wenngleich sie mich gerne als ihren Skipper bezeichnet. 

    Man kann es daher eher als eine sanfte Rebellion beschreiben, was sich heute hier an Bord ereignet hat. Ausgefochten und angestachelt durch und mit den Waffen einer Frau. Da kann Mann natürlich schon mal schwach werden. Heute hat sich aber die Vernunft gegenüber den Emotionen durchgesetzt. Sonst sind wir das basisdemokratischst besetzte Schiff auf der Nordhalbkugel. Weil, wie heißt es so schön: Die kluge Frau folgt ihrem Mann – wohin sie will.

  • Wie lange noch?

    Wir auch, manchmal
    Wir auch, manchmal

    Viele Menschen, viele Meinungen, doch in einer Sache sind sich alle Südfranzosen, mit denen wir gesprochen haben, einig. Das war der mildeste und ruhigste Herbst seit vielen Jahren an der Côte d’Azur. Leider drückt das “war” auch schon aus, dass es damit jetzt vorbei ist, mit dieser ruhigen Herbstphase. In Norddeutschland zieht schon der zweite schwere Herbststurm innerhalb von ein paar Tagen durch, mit Frau Holle im Gepäck, und bei uns ist es auch vorbei mit Ruhe und Beschaulichkeit, denn seit gestern Abend haben wir einen Herbststurm, der sich gewaschen hat. Es ist – leider – deutlich kühler geworden und der Wind wird immer doller.

    In der Spitze gab es mehr als 54 Knoten Wind!
    In der Spitze gab es mehr als 54 Knoten Wind!

    Dabei war der gestrige Tag wohl zum Einstimmen auf den heutigen starken Sturm gedacht. Während wir gestern mal hin und wieder acht Windstärken auf dem Windinstrument hatten, waren heute Böen von 100 Stundenkilometern keine Seltenheit. Das zehrt an den Nerven und zerrt und ruckt heftig an den Festmacherleinen. Wir haben auch alles an Leinenmaterial ausgebracht, was an Bord ist. Zwei Vorleinen backbord, zwei Vorleinen steuerbord! Davon eine mit Ruckdämpfer, eine lange Springleine zum Steg an Backbord mit Ruckdämpfer, doppelte Springleinen an der Steuerbordseite und zwei Achterleinen an Steuerbord, abgerundet wird das Ganze mit einer gespannten Mooringleine backbord achtern, die die Aufgabe hat, das Heck vom Steg fernzuhalten. Die Hexe ist liegt da wie im Spinnennetz.

    Im Winter bleiben die Schaufensterpuppen nackt…
    Im Winter bleiben die Schaufensterpuppen nackt…

    Direkt nach unserer Ankunft vor zwei Tagen habe ich noch einen langjährigen Hafenlieger gefragt, ob bei Sturm Schwell in den Hafen steht. “Nein, gar kein Problem, der Hafen ist prima geschützt gegen Seegang, alles total sicher”, hat er gemeint. Seit heute Morgen tanzen die Boote Samba an ihren Leinen und immer mehr Eigner sind im Laufe des Tages hierher gepilgert, um besorgt nach ihren Schätzchen zu schauen. (Bei einigen, nach denen niemand zu schauen schien, hat der Skipper auch schon mal einen Fender umgehängt, um das Heck zu schützen, oder die Vorsegelpersenning festgezurrt.)

    Das Heulen des Windes, wenn so eine Hammerböe anrauscht, ist infernalisch. Die ganze Nacht durch soll das Spektakel noch so weitergehen, bevor es im Laufe des morgigen Tages abflaut, hoffentlich!

    Bunte Schals werden auf dem Samstagsmarkt verkauft
    Bunte Schals werden auf dem Samstagsmarkt verkauft
  • Die Entdeckung der Langsamkeit

    Die Gefahrentonne in der Bucht von St. Tropen mit Kormoran
    Die Gefahrentonne in der Bucht von St. Tropez, mit Kormoran

    Keiner, der Volker als Segler kennt, hätte ihn gestern oder heute erkannt. Unser Weg führt uns von Porquerolles über Le Lavandou nach St. Tropez. Ab Freitag soll es Starkwind mit Sturmböen geben, da wollen wir gerne in einem sicheren Hafen liegen. Aber bis dahin muss sich die Hexe mit 3-8 Knoten Wind zufrieden geben. Und der Skipper auch. Und, tatsächlich, es geht!

    Da der Wind oft die Richtung wechselt, gibt es viele Mannöver, und die Sonne wärmt auch schön, das verstärkt das Wohlgefühl. Wenn der Wind sich zwischenzeitlich ganz verabschiedet, wird ein Badestopp eingelegt, allerdings sieht das etwas anders aus als im Hochsommer. Mit Neopren-Anzug, -Haube und -Schuhen angetan, steigt der Skipper ins Wasser und krault ums Boot.

    Spitze: 4,9 Knoten Speed bei 4,8 Knoten Wind!
    Spitze: 4,9 Knoten Speed bei 4,8 Knoten Wind!

    Manchmal fällt die Windgeschwindigkeit unter zwei Knoten, dann motoren wir – unter Umständen – auch mal, ansonsten sitzen wir das einfach aus. Gut, dass wir das Unterwasserschiff mit neuem Antifouling versehen haben, so fährt die brave Hexe auch bei fünf Knoten Wind über vier Knoten, und bei vier Knoten macht sie noch mindestens drei Knoten Fahrt. Nur wenn die Logge (der Geschwindigkeitsmesser) unter zwei Knoten anzeigt, wird die “eiserne Genua”, wie der Motor manchmal auch liebevoll genannt wird, angeworfen. Dann langweilt sich der Skipper.

    bisschen genervter Skipper
    bisschen genervter Skipper
    beschäftigter Skipper
    beschäftigter Skipper
    zufriedener Skipper
    zufriedener Skipper

    Aber wenn dann wieder ein kleines bisschen Wind kommt, packen wir den Spi wieder aus, er steht rot-weiß-grün und zieht das Boot. Dann ist der Skipper in seinem Element, er spielt mit der Leeschot, kurbelt ab und an das Großsegel dichter oder lässt es wieder raus. Gleichzeitig gibt es kleine Anweisungen: “Luvschot zwei Zentimeter raus!”, “Leebarberholer los!”, “Luvschot dichter!“, „Großsegel raus!“ Wenn alles stabil steht, nimmt der Skipper das Ruder in die Hand und steuert, auch dann ist er glücklich.

    Der Spi steht tadellos - diesmal auf Halbwindkurs
    Der Spi steht tadellos – diesmal auf Halbwindkurs

    Das Spiel „“Spinnaker rauf – Spinnaker runter“ haben wir heute mindestens dreimal gespielt, gekurbelt, dicht geholt, rausgelassen, alles so, wie der Wind das will und der Skipper.  Also, wahrscheinlich hättet Ihr, die Ihr schon einmal mit uns gesegelt seid, Volker doch wieder erkannt.

    Aber in sieben Stunden nur 22 Seemeilen segeln, ist für uns schon die Entdeckung der Langsamkeit wert. Und es hat Spaß gemacht…

  • Von außen nicht ganz dicht!

    Seit wir mit unserem Boot durch Wind und Welle schippern, gibt es immer mal wieder die eine oder andere Ausfallerscheinung. Irgendwas klemmt, geht kaputt oder funktioniert nicht. Bis jetzt, Gott sei Dank, alles gar kein Problem, nur kleine Kleinigkeiten, die im Nachhinein schnell erledigt sind. Da drücken wir auch ständig die Daumen und alles Mögliche, dass das weiterhin so bleibt.

    Achtung: Problemecke links oben vorne!
    Achtung: Problemecke links oben vorne!

    Nur ein kleines Leck hält uns von Anfang an beschäftigt. Es ist auch nicht immer da, nur wenn die Wellen hoch sind, und das Vorschiff tief eintaucht und dabei viel Wasser kurzfristig im Ankerkasten steht, bevor es durch die vorgesehenen Lenzöffnungen wieder abläuft. Doch, bevor es abläuft, drücken sich anscheinend ein paar Tropfen entweder durch die Kabeldurchführung der vorderen Positionslampen oder durch den Kabeldurchbruch der elektrischen Ankerwinsch. Alle Abdichtversuche mit Dichtband, Silikon und Kunststoffpfropfen blieben bisher leider erfolglos. Das eingedrungene Wasser findet seinen Weg in die seitliche Deckenverkleidung der Vorschiffskabine und ist dort als mahnender Wasserfleck sichtbar. Zum Trocknen muss dann eben diese Verkleidung abgeschraubt, mit Süßwasser abgewaschen und getrocknet werden. Das wiederholt sich alle paar Wochen, spätestens jedoch nach einem wellenreichen Segeltag. Nervig ist es zudem, weil mir so langsam die Ideen ausgehen, an was es noch liegen könnte und wo ich noch nachdichten soll. Gerade die relevanten Stellen sind auch schlichtweg wegen Verkleidungen oder der Innenschale schlecht oder garnicht erreichbar. Meerwasser außen ist ok., im Schiff hat es jedoch nichts zu suchen. Oh Ärger!

  • Insel im Meer

    Adieu, Port Cros, flache See!
    Adieu, Port Cros, flache See!

    Gestern ging es mit leichtem Wind und langsamer Fahrt nach Porquerolles. 9 Seemeilen, knapp 17 Kilometer, direkter Weg. Mehr als 3 Stunden haben wir für dieses kurze Seestück gebraucht. Die Langsamkeit des Seins und speziell die Langsamkeit des Segelns dabei usgiebig genossen. Das Meer, oder besser gesagt, die See war entsprechend ruhig. Es stand nur eine sanfte Dünung, ein langsames gleichmäßiges Auf und Ab. Vergleichbar mit einer Fahrt auf einer endlos geraden Landstraße durch eine sanft hügelige Landschaft. Porquerolles immer in Sicht links voraus, die Küste ein wenig weiter weg an Steuerbord. Ruhiges, entspanntes Dahinsegeln. Jeder, der anfällig ist für Seekrankheit, hätte sich über die gestrigen Bedingungen gefreut und wäre von dieser Geisel der Seefahrt verschont geblieben.

    Besser als Wurzelchips war der Fisch im l'Oustade in Porquerolles
    Besser als Wurzelchips war der Fisch im l’Oustade in Porquerolles

    Cornelia hat in der Küche rumexperimentiert und dünne Scheiben einer Jamiknolle zu (nicht wirklich) leckeren Chips frittiert. Auch ein solches Tun ist nur bei ruhigster See möglich. Zu groß wäre sonst die Gefahr durch umherspritzendes Fett und rutschende Küchenutensilien. Es fällt nicht immer leicht, auf See zu kochen, manchmal hat Mann oder Frau nicht genug Hände, um alles festzuhalten, was sich durch die Schaukelei so alles in Bewegung setzt. Die Töpfe rutschen auf dem Kocher umher, Zutaten rutschen auf der Arbeitsfläche umher, Geschirr droht zu zerbrechen. Dabei aber bitte nicht das eigene Festhalten am Handgriff vergessen, denn sonst ist der slapstickhafte Abgang – ohne Applaus – schon vorprogrammiert. Wenn es draußen heiß hergeht, bleibt daher schon mal die Küche kalt, nicht nur bei uns. Aber, wie gesagt, gestern war alles anders, ruhiger, entspannter.

    Das sind Eukalyptusfruchtschalen
    Das sind Eukalyptusfruchtschalen

    Porquerolles lockt wie eh und je mit seinem kleinen gemütlichen Dorf, zahlreichen Buchten, dem hügeligen dichtbewaldeten Landesinneren und einem schönen Hafen mit allem, was das Seglerherz froh stimmt. Nur bei den Hafengebühren kann von froh gestimmt keine Rede sein denn die sind mit 43 Euro auf Saisonniveau, nur in den Monaten Juli und August sind sie noch höher. Dafür sind die Preise für Dauerlieger im Winter rekordverdächtig niedrig. Wer drei Monate bleibt, bezahlt nur umgerechnet 10 Euro am Tag.

    Eukalyptusblüten - Spätblüher
    Eukalyptusblüten – Spätblüher

    Trotz des bevorstehendem Winters ist der Dorfsupermarkt geöffnet und fast komplett bestückt, sodass auch den Winter durch diesbezüglich kein Versorgungsmangel entsteht. Der Fährverkehr zum Festland verläuft ebenso regelmäßig. Ein echtes Plus für die 200 Inselbewohner und für interessierte Besucher.

    Porquerolles hinterlässt, zumindest tagsüber, auch außersaisonal einen belebten Eindruck. Morgen geht es auf Schusters Rappen ins Inselinnere.

    Übrigens: Bis in die 1930er Jahre gehörte Porquerolles einem belgischen Industriellen. Angeblich überredete  Madame Pompidou 1971 ihren Mann, den französischen Staatspräsidenten Georges Pompidou, die Insel im Namen des Staates zu kaufen.

  • Zwei ruhige Segeltage

    13. November 2015, Freitag, Baro 1025, sonnig, Wind NNW 6-8 Knoten
    St. Raphaël 09:50 – St. Tropez 14:00, 13,3 sm

    Die ganze Welt in St. Tropez
    Die ganze Welt in St. Tropez

    Tatsächlich schaffen wir einen frühen Start, denn es ist Wind, zumindest ein bisschen. Schnell habe ich, nach dem gestrigen Desaster, zweimal fünf Gigabyte in einem Tabac erstanden, damit wir was in der Reserve haben. Vielleicht eine Frage des Alters, aber ich habe immer gerne von allem noch ein Reserveexemplar. Ja, bestimmt eine Frage des Alters!

    Mit Spinnaker geht es gut voran, leider nur eine halbe Stunde, dann schläft der Wind ein. Wir bergen zwar nach kurzer Zeit den Spi, werfen den Motor aber noch nicht an, das sitzen wir jetzt aus! So wird das nichts mit Porquerolles oder Port Cros, wir nehmen Kurs auf St. Tropez, da können wir mit dem gerade wieder aufgefrischten Wind gut hinsegeln. Später hört die Mittagsbrise auch wieder auf, gut, dass wir es nicht darauf angelegt haben, weiterzukommen.

    Grabstein mit Aussicht
    Grabstein mit Aussicht

    Wir machen einen Spaziergang zum Friedhof, von See her haben wir den schon oft gesehen, jetzt wollen wir ihn mal von Land aus erkunden. Wenn man noch was davon hätte nach dem Tod, könnte man durchaus sagen, hier liegt man super, mit Aussicht auf die Bucht. Aber das hilft höchstens noch den Hinterbliebenen, wenn sie hier zu den Gräbern gehen und frische Blumen bringen, denn die gibt es trotz Spätherbst in großen Mengen, fast genauso viele wie von den künstlichen, meist aus glasiertem Ton oder Porzellan gefertigten Grabschmuck-Blumen.

    Wir suchen für das heutige Freundschaftsspiel Frankreich – Deutschland ein Restaurant oder eine Bar mit großem Fernseher. Die erste Halbzeit schauen wir in einer Brasserie, essen dazu Spaghetti und Quiche, zur zweiten Halbzeit gehen wir Richtung Hafen. Das italienische Restaurant, das zum Nachtclub “Hysteria” gehört, hat auch große Fernseher, dort sitzt man warm und gemütlich. In der Brasserie hat es nämlich gezogen wie Hechtsuppe, das war ungemütlich!

    Schon während des Spiels bemerken wir eine Unruhe am deutschen Nachbartisch und an der Bar, und nach dem Ende wird der Fernseher laut geschaltet und die furchtbare Nachricht von der grausamen Anschlagserie in Paris wird gesendet. Da die Fernseher in den Restaurants ohne Ton liefen, hatten wir die Detonation am Ende der ersten Halbzeit nicht gehört. Jetzt kamen die Meldungen eine nach der anderen, zunächst war nur von der Bombe vor dem Stadion und der Schießerei bei dem Rockkonzert die Rede, dann kamen noch die Meldungen aus den Restaurants. Stumm verfolgten die Kellner und die Gäste die schrecklichen Ereignisse, es gab fast keine Kommentare, aber es fehlen auch bei so etwas einfach die Worte.

    14. November 2015, Samstag, Baro 1022, sonnig, leicht bewölkt, Wind Nordost, 2, 3 und 4 Beaufort
    St. Tropez 10:15 – Port Cros 16:30, 27 sm

    Petri Heil?
    Petri Heil?

    Dem schmerzenden Rücken zum Trotz will Volker nach dem Frühstück nicht zum Markt, sondern segeln, macht auch Sinn, denn in den nächsten Tagen soll es eher weniger als mehr Wind geben, also eigentlich gar keinen. Jetzt hat der Wind auch schon gedreht, kommt aus Nordost – wie vorhergesagt – das heißt, wir kreuzen das erste Stück aus der Bucht von St. Tropez raus, danach geht es auf Vorwindkurs Richtung Süden. Die vier Meilen bis zum Cap Camarat segeln wir mit ausgebaumter Fock, danach wird der Spi gesetzt, bei über 10 Knoten Wind rauschen wir die Küste hinab. Ein Segelboot unter italienischer Flagge verwirrt uns, viele Leute stehen am Heck, ist da etwas passiert? Volker sagt: “Mach doch mal Kanal 16 an”, aber da spricht keiner. Als wir rasch näher kommen, sehen wir, dass die Männer nur am Heck stehen, um zu angeln. Tatsächlich holt auch einer einen Fisch raus. Das inspiriert Volker, mich wieder mal zum Angeln zu überreden, aber wir sind eigentlich immer zu schnell, um etwas zu fangen. Egal, ich krame in der Backskiste nach der von dem Amerikaner auf Gibralter geschenkten Angel, finde sie auch, und wir hängen sie raus. Mal sehen, ob sich eine Dorade dran festbeißt.

    Sonnenuntergang von Port Cros
    Sonnenuntergang von Port Cros
    … und in Thailand
    … und in Thailand
    … und der Mond über Port Cros
    … und der Mond über Port Cros

    Tut sie natürlich nicht, und leider war der Wind auch nicht immer windig, deshalb beschließen wir, statt Porquerolles lieber Port Cros anzulaufen, da gibt es zwar keinen Strom, aber wir kommen noch im Hellen an, und die Insel ist ja immer wieder ein Traum. So still, wenn das letzte Tauchboot für die Nacht festgemacht und die letzte Fähre abgelegt hat, sind nur noch die 10 – 20 fest dort wohnenden meist beim Nationalpark angestellten Menschen hier, und am Samstag Abend 10-12 Yachten.

    Die kleine Kirche ist noch offen
    Die kleine Kirche ist noch offen

    Alle Restaurants und die kleine Epicerie, wo man in der Saison Souvenirs und ein paar Grundnahrungsmittel bekommt, sind geschlossen, und nicht einmal der Liegeplatz kostet etwas. Vom 1. November bis 31. März liegt man hier umsonst. “Ja”, sagt die freundliche Hafenmeisterin, “jetzt darf man beim Einkaufen auf dem Festland nichts vergessen, nur das Salz kann man sich aus der Saline holen, sonst gibt es hier nichts zu kaufen.”

     

  • St. Raphael, nicht schön, aber doch charmant

    12. November 2015, Donnerstag, Baro 1022, sonnig, warm, kein Wind, nachmittags SW
    Cannes 11:20 – St. Raphaël 14:00, 12 sm motort

    Still und starr ruht die See
    Still und starr ruht die See

    Da wir nicht wissen, ob wir ungeladen zu der Vernissage der Chagall-Ausstellung gehen können, und so ein Pubquiz im MaNolan jeden Donnerstag stattfindet, werfen wir nach einem guten Frühstück die Leinen los und den Motor an und fahren – ganz ohne Wind und ohne Wellen – nach St. Raphaël. Volker meint, ich gäbe sonst eh keine Ruh, bis ich das mal gesehen habe, nämlich, dass es einfach nicht schön ist. Die Fahrt dorthin war jedenfalls ruhig, alles unter Motor, Volker hat sich ab und zu seinen Rückenübungen hingegeben, ich war mit meinen Zeit-Kreuzworträtsel beschäftigt, der Hund lag draußen bei uns im Körbchen. Entspannt motoren (nix für den Skipper!).

    So einen großen Liegeplatz hatten wir noch nie
    So einen großen Liegeplatz hatten wir noch nie

    In St. Raphaël bekommen wir den bisher größten Liegeplatz zugewiesen, da muss die Hexe noch ein bisschen reinwachsen. In der Marina liegen viele große Boote, auf denen jetzt nicht mehr die Eigner sind – die müssen wahrscheinlich auch irgendwann einmal Geld verdienen – sondern die Mechaniker und die Bootsbauer für kleine Reparaturen und die Polstererinnen und so weiter.

    Volker hatte Recht, die Stadt ist alles andere als schön, in der ersten Reihe am Meeresstrand geht es noch, da sind halt viele Restaurants, von denen jetzt allerdings die meisten geschlossen sind, aber im Centre Ville ist es laut von unendlich vielen Autos und vor allem Vespas und Motorrädern, es stinkt erbärmlich nach den Abgasen. Die Basilika hingegen ist sehr schön, es ist gerade ein Messe, sodass wir nur leise bei der Mutter Gottes eine Kerze anzünden und die Kirche ebenso leise wieder verlassen.

    Die Kathedrale von St. Raphael, von außen
    Die Kathedrale von St. Raphael, von außen
    und von innen
    und von innen

    St. Raphaël geht nahtlos in Fréjus über, hier gibt es auch eine historische Altstadt, aber die muss bis zu unserem nächsten Besuch warten. Mit Volkers Hexenschuss wollen wir keine Gewaltmärsche riskieren, wir nehmen lieber einen kleinen Drink in einer der großen Bar-Brasserien, die an der Uferpromenade liegen, und jetzt bei Dunkelheit einen schönen Blick über die Bucht und die Lichter am anderen Ende gestatten.

    Die letzte Dose sardisches Ichnusa-Bier
    Die letzte Dose sardisches Ichnusa-Bier

    Zurück beim Boot kocht Volker einen leckeren Eintopf, danach wollen wir versuchen, den RTL-Spielfilm über die Starfighter zu sehen. Das klappt auch super, leider sind aber ca. zehn Minuten vor Schluss unsere Gigabytes aufgebraucht, Pech, das Ende müssen wir uns wohl ein anderes Mal ansehen.

  • Das müssen wir unbedingt sehen

    In diesem Beitrag geht es um Fußball und sonst nichts. Doch diesmal steht nicht der SV Darmstadt 98 im Vordergrund. Hier geht es um harte Länderspielfakten zwischen der deutschen Nationalmannschaft und der französischen Equipe. Die Begegnung dieser beiden Mannschaften ist im wahrsten Sinne des Wortes ein echter Klassiker.

    Bereits seit 1931 finden regelmäßig Länderspiele zwischen Frankreich und Deutschland statt. Das erste Spiel 1931 gewann Frankreich mit 1:0. Das letzte Spiel gegen die Grande Nation gewann Deutschland mit 1:0. Das war beim Viertelfinale der letzten Fußballweltmeisterschaft 2014. In den zurückliegenden 84 Jahren trafen die beiden Nationalmannschaften insgesamt 27 mal aufeinander. Genau 21 mal war es ein sog. Freundschaftsspiel.

    Am morgigen Freitag geht dieser Fußballklassiker in eine neue Runde. Die DFB-Elf spielt in Paris gegen die französische Nationalmannschaft, das 23. Freundschaftsspiel. Dazu passend findet die nächste Fuballeuropameisterschaft 2016 en France statt. Da ist das morgige Spiel doch fast so was wie eine Generalprobe. Nur ein Problem gibt es, wir würden am liebesten das Match auf neutralem Boden sehen, z.B. In einem Irish-Pub. Aber den gibt es in St. Raphaël nicht. Morgen müssen wir mal genauer recherchieren, wo im Umkreis von ein paar Meilen ein Pub ist. In einer französischen Brasserie würden wir uns nicht so recht trauen, für Jogis Jungs zu jubeln. Morgen gibt es ausnahmsweise keine Zielwahl nach Wind und Wellen, sondern nach König Fußball.

  • Wie kleine Gespenster

    Friedenstaube an Deck
    Friedenstaube an Deck

    Nach einer ruhigen Nacht ging es heute frohen Mutes an das Tagwerk. Einen Punkt, den wir schon länger auf unserer kurzen To-Do-Liste stehen hatten, sollte endgültig erledigt werden. Unsere Originalpolster haben kurz nach der Abfahrt einen Schonbezug erhalten (wir berichteten). Dank flinker fleißiger Hände und einem guten Stöffchen war der Bezug mindestens so gut wie das Original. Beinahe jedenfalls, nur in einem Punkt gab es seitdem Grund zur Nachbesserung. Der Stoff auf dem langen Sofa wirft Falten, oder kurzgesagt, er krummpelt. Der Mangel  ist nur optischer Natur, aber man ist ja auch Ästhet, zumindest irgendwie und nach mehr als einem Jahr. Also sind wir dem großen Bezug mit ein paar Einschlagösen und Gummiband auf der Rückseite zu Leibe gerückt.

    Kleine Gespenster…
    Kleine Gespenster…

    Danach haben wir noch, weil es sich angeboten hat (die Marina schenkt neuerdings dem Segler einmal pro Saison eine Waschmaschinenfüllung) alle Polsterbezüge in die große Hafenwaschmaschine gstopft. Das Ergebnis: blitzblank und fleckenfrei. Nur die Zeit, um draußen zu trocknen, hat nicht mehr ganz gereicht und deswegen wurde nochmal drinnen alles zum Fertigtrocknen aufgehängt. Das sah lustig aus im Boot: wie kleine aufgehängte Gespenster hingen die Lappen da rum.

    Was uns heute sonst noch so bewegt hat: Um 11 Uhr morgens war vom gegenüberliegenden Rathaus Marschmusik mit nachfolgenden Reden zu hören. Gestern hatten wir schon den Blumenschmuck und die vielen Trikoloren bewundert. Ein Blick auf den Kalender und wir waren uns einig, dass der Anfang der neuen karnevalssession auch nicht vor unseren französischen Brüdern und Schwestern Halt macht und die fünfte Jahreszeit ausgerufen wird.

    Zu wenig Wind für die Trikolore (und für uns)
    Zu wenig Wind für die Trikolore (und für uns)

    Nachdem aber die Nationalhymne erklang, wurde Cornelia zunehmend misstrauisch, welches Ereignis nun zelebriert wurde, und wir kamen überein, dass Karneval und Marseillaise so gar nicht zueinander passen. Dank Google und Wikipedia war das Rätsel mal wieder fix geklärt.: Heute am 11. November und nicht nur um 11 Uhr 11 feiert man in Frankreich den Waffenstillstand am Endes des 1. Weltkrieges zwischen Deutschland und Frankreich. Ein Feiertag im ganzen Land.

    Blick auf den Hafen
    Blick auf den Hafen
  • Mal wieder…

    Tanzendes Paar vor dem Nobelhotel "Majestic"
    Tanzendes Paar vor dem Nobelhotel “Majestic”

    in Cannes. Da waren wir schon so oft, und doch freuen wir uns jedes Mal wie die berühmten Schneekönige, wenn wir in Cannes unsere Leinen festmachen. Nizza ist prächtig, riesig groß, zahlreiche Museen und Kirchen locken, Parks und Plätze laden zum Verweilen ein. Tolle Stadt, total zu empfehlen.

    Aber Cannes hat dieses besondere Etwas. Ist nicht so einfach und schon garnicht direkt zu erklären oder zu begreifen.

    Französische Weckmänner "Papa Noel" von Bäcker "Paul"
    Französische Weckmänner “Papa Noel” vom Lieblingsbäcker “Paul”

    Gäbe es eine Hitliste der von uns besuchten Städte, Cannes würde es spielend bis an die Spitze schaffen. Ein Tag dort und man hat die Innen-Stadt erfasst und auch, wenn die Füße eventuell ein wenig schmerzen, komplett erlaufen. Danach stellt sich dann so ein Gefühl  ein von Bekanntheit, Vertrautheit, so eine Art „Heimatgefühl” eben, weil man sich so schnell und so gut auskennt. Der beste Pub ist schnell gefunden, das Restaurant an der Ecke zum Lieblingsrestaurant auserkoren, der kleine Sandstrand nahe dem Zentrum schön gelegen.

    "Le Petit Chaperon Rouge" oder auch "Rotkäppchen im Schaufenster
    “Le Petit Chaperon Rouge” oder auch “Rotkäppchen im Schaufenster

    Und dann gibt es da noch die Markthalle und den Hafen selbst, die Festung, die Altstadt, die Shoppingmeile, die Croissette, und und und. Erste Gedanken kreisen um später, um die Jahre nach dem Segelabenteuer. Können wir uns vorstellen, hier zu leben? Gedankenspiele, wahrscheinlich verfrüht.

    Gestern in Villeneuve Llobet haben wir uns erst mal auf unserer Hexe eingelebt, eingerichtet und verproviantiert. Danach ging’s ab zum Strand zum ausgiebigen Bad in der Sonne, nicht im Meer. Das ist mit 18 Grad doch recht frisch. Wir saugen die mediterranen Sonnenstrahlen regelrecht in uns auf, allein, ungestört, nachsaisons leergefegt.

    Adieu zu den Treppenhäusern aus der Engelsbucht
    Adieu zu den Treppenhäusern aus der Engelsbucht

    Am frühen Nachmittag hat sich die bis dahin platte See leicht gekräuselt. Ein Wind aus Ost kam auf, flotten Schrittes ging es zurück zum Boot und schnell wird alles see- und segelklar gemacht. Noch im Hafen gingen die Segel hoch, der Motor aus und langsam schob uns der Wind der Hafenausfahrt entgegen. Ein magischer Moment, wenn der Wind die Segel bläht, eine Wasserblasenbahn im Kielwasser zurückbleibt und unsere Hexe losschippert.

    Der Skipper schaut mit kritischem Blick in die Segel
    Der Skipper schaut mit kritischem Blick in die Segel

    Viel gibt es von dem dreistündigen Törn nach Cannes nicht zu berichten. Eine ereignislose, gute Fahrt. Ein paar andere Segler auf dem Wasser, anhaltende Sonne, leichter Wind.

    Abends ging es zur Lieblingspizzeria gegenüber vom Hafen. Pizza “Reine” für mich, überbackene Auberginen für die Capitania. Danach noch auf ein Bier ins Irish Pub.

    So ein Tag so wunderschön wie heute…