Autor: Hexymama

  • Die „Jolateros“ von Lanzarote: Boote aus Ölfässern

    Hier steht der Jolatero im Regen…

    Die brüllende Hitze, die in den letzten Tagen Lanzarote heimgesucht hat, haben wir derzeit in Deutschland nicht, nach einigen schönen Sommertagen schüttet seit gestern Zeus als verantwortlicher griechischer Gott über das Wetter unglaubliche Regenmengen aus. Positiver Nebeneffekt: Wir müssen den Garten nicht wässern, aber die vergangenen Hochwasserkatastrophen lassen doch immer wieder Befürchtungen aufkommen, wenn so große Wassermengen in kurzer Zeit auf die Erde fallen. Die letzten Tage waren trocken und warm, hoffen wir, dass der Sommer in der nächsten Woche noch einmal zurückkehrt.

    Ein bunte Vielfalt

    Wir haben aus Arrecife als Souvenirs bunte „Jolateros“ mitgebracht. Ursprünglich waren das kleine Boote aus alten Treibstofffässern, die die Einwohner von Arrecife Anfang des 20. Jahrhunderts, sozusagen aus „Müll“, gebaut haben, um den Fischern auf den großen Booten zu assistieren, wenn sie den Fang nach Hause brachten. Diese Boote konnten nur mit einem, höchstens mit zwei Mann gefahren werden, dann wurde der Fang eingeladen und an Land gebracht.  Angetrieben wurden und werden die Boote nicht etwa mit Rudern, sondern mit den bloßen Händen und vielleicht mit kleinen Holzbrettchen aus der Küche.

    In kanarischen Farben

    Mit der zunehmenden Technisierung verschwand diese mühsame Tätigkeit, aber man baute die Bötchen weiter, und es entwickelte sich eine neue Freizeitkultur. Ob man just for fun alleine oder zu zweit durch den Charco, den kleinen See in der Hauptstadt Arrecife paddelt, oder an den Regatten teilnimmt, die anlässlich der jährlichen Feier zu Ehren des Stadtpatrons am Charco de San Gines ausgetragen werden, heutzutage scheint es ein großer Spaß zu sein, denn in Arrecife sieht man viele der attraktiven Metallboote am Rande des Sees liegen.

    Sehr dekorativ: bepflanzt mit immergrünen Sukkulenten

    Ein Mann aus Lanzarote, der sich „Toño“ nennt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Tradition, also den Bau der Jolateros aus den ursprünglichen Materialien, aufrecht zur erhalten und vor allem an Jugendliche der Insel weiterzugeben, als sinnvollen Zeitvertreib. Mit purer Muskelkraft werden aus den Metallfässern die Bootsseiten geschnitten und in eine entsprechende Form gebracht, an Bug und Heck verbindet ein Vierkantholz die beiden Hälften, und alles wird mit Metallnägeln zusammengehalten. Danach werden die Boote innen und außen mit reichlich bunter Farbe angestrichen, und so entstehen ganz vielfältige phantasievolle Kunstwerke.

    Ein Stückchen Sehnsucht am Schlüsselbund

    Wir haben und werden unsere Miniatur-Boote bepflanzen und in den Garten oder auf den Balkon stellen, und ich trage das Zwergenmodell dazu am Schlüsselbund.

    Ein bisschen Lanzarote in Darmstadt …

  • Ausflüge

    Entspannter Damenschwatz unterm Gennaker

    Eigentlich wollten wir am Sonntag mit Nelleke, die am Vortag mit dem Flugzeug aus Holland angekommen ist, nach Teguise zum Sonntagsmarkt fahren. Volker sagt noch, dass er abwäscht, damit wir drei Damen direkt los kommen. Ulrike macht sich schon mal Stadt-, nein Markt-fein, aber dann kommt plötzlich des Käpt’ns Stimme aus dem Off: „Heute ist ein schöner Segelwind, wir gehen segeln. Ulrike, ruf Deine Freunde an, ob sie Zeit haben.“

    Die Sonne steht schon tief, als wir zurückkehren

    Und sie sind ganz spontan, fünfzehn Minuten später steht die Familie mit einer Flasche Cava und Snacks vor dem Liegeplatz der Hexe. Mit Gennaker fahren wir vor dem Wind zum Strand vor Papagayo, genießen das Schwimmen, einen kleinen Imbiss zum Mittag, und die Ruhe am Ankerplatz, obwohl hier natürlich auch ein paar Boote vor Anker liegen, unter anderem die beiden Catlanzas aus unserem Hafen. Zurück müssen wir gegen den Wind kreuzen, aber auch das gefällt der Familie, dass es mal so richtig schaukelt. Selbst das Putzen im Hafen, um die Salzduschen von dem Boot abzuwaschen, macht vor allem den Kindern richtig Spaß.

    Der Skipper wartet auf die Crew

    Und am Mittwoch haben wir noch mehr Crew – Verzeihung, Gäste natürlich – an Bord. Unsere Freunde, die nun auch mit ihrem Boot in Puerto Calero angekommen sind, wollen mal schauen, wie sich das Segeln auf zwei Rümpfen so anfühlt. Am Vorabend haben wir in guter Laune zu Volkers Geburtstag verabredet, dass wir einen kleinen Segeltörn zu der Fuerteventura vorgelagerten Insel Los Lobos unternehmen. Pünktlich um zehn Uhr stehen alle bereit: Leinen los!

    Die Herren müssen arbeiten

    Wieder starten wir mit Gennaker, bis der Wind so weit auffrischt, dass wir das bunte Segel bergen müssen. Erst vier Seemeilen vor Los Lobos können wir es noch einmal ausrollen, dann sind wir auch schon am Ankerplatz angekommen.

    Diesmal ist es leider nicht so warm, deshalb mag niemand schwimmen, aber Volker grillt Schweinelendchen, weiße Bratwürste und eingelegte Gambas. Da wir ja so früh aufgebrochen sind, hat niemand richtig gefrühstückt, sodass wir alle ordentlich Hunger haben und uns mit Grillgut, Käse und Brot entsprechend die Bäuche voll schlagen.

    Auf zur Dinghy-Fahrt

    Nach dem Essen möchte eins der Mädchen mal im Dinghy fahren, am liebsten ganz schnell, Volker tut ihr den Gefallen, er mag das ja auch gerne. Anschließend geht es wieder los, denn auf dem Rückweg müssen wir ja wieder kreuzen, weil der Wind genau aus Puerto Calero kommt, und da dauert es schon ein bisschen länger. Aber bei ruhiger See und schönem Wind macht das allen Spaß, auch Hund Nelli liegt entspannt auf dem Sofa.

    Dank an Elke für die Fotos!

  • Der Hexenstich

    Am Ende ist auch der Skipper zufrieden mit der Arbeit der Hexen…

    Schon lange hat sich der Skipper gewünscht, dass ich ihm eine Tasche für die Reserve-Segellatten des Großsegels nähe. Nun brauchen wir dazu einen möglichst UV-beständigen Stoff, der außerdem zumindest wasserabweisend ist. Die längsten Segellatten sind fast sieben m lang, das bedeutet, man muss mehrere Stoffbahnen aneinander nähen, sichere Nähte machen, damit keine Latten den Stoff zerstören, also eine echte Herausforderung an “Nähnomaden”.

    Nur ein Bruchteil der Auswahl

    Nun ist ja glücklicherweise Ulrike noch bei uns, sodass wir zwei Frauen gemeinsam über die beste Methode, die sauberste Naht – damit keine der unterschiedlich langen Latten sich innen in der Tasche verhakten kann –  und die einfachste Nähmethode grübeln können. In dem Stoffgeschäft „El Kilo“ in Lanzarote werden wir schon mal fündig und kaufen einen schönen  hellen Bezugsstoff. Dieser Laden ist sensationell, hunderte von Stoffbahnen aus allen möglichen Fasern, in allen möglichen Farben und mit den unmöglichsten Mustern versehen lagern hier. Die dort arbeitenden Damen kennen jede Ecke, laufen durch die Gänge und greifen zielsicher den gewünschten Stoff heraus. Drei Meter breit liegt der von uns ausgesuchte UV-beständige hellbeige Stoff, das ist gut, denn die große Breite spart uns einige Nähte. So reicht uns ein Meter des Stoffes, und zufrieden ziehen wir ab.

    Zuschneiden am Cockpit-Tisch

    Mit List und Tücke überlegen wir, wie man am besten gerade Bahnen schneiden kann, ohne Zuhilfenahme von großen meterlangen Linealen. Glücklicherweise hat unser Cockpit-Tisch in der Mitte eine kleine Holzleiste über die ganze Breite, das wird unser Hilfslineal. Fast perfekt schneiden wir so drei Bahnen à 25 cm des drei Meter breiten Stoffes, und wollen mit meiner Bord-Nähmaschine frisch ans Werk gehen.

    Doch, oh Schreck!, die Maschine hat sich irgendwann zwischen Hoorn und Lanzarote verschluckt, und will nicht vorwärts nähen. Im Rückwärtsgang geht alles gut, aber wenn es normal nach vorne gehen soll, näht sie in winzigen Stichen rückwärts. Da ist die Enttäuschung erstmal groß, hatten wir doch gedacht, dass wir am Dienstag, nachdem uns Carl-Martin in Richtung Amsterdam verlassen hat, die Aufgabe locker bewältigen können.

    Aber glücklicherweise kennt Ulrike hier auf Lanzarote wahrscheinlich mindestens jeden dritten Einwohner der Insel, und so ist schnell über das entsprechende Beziehungsnetz ein Laden gefunden, der Nähmaschinen nicht nur verkauft, sondern auch reparieren kann. Außerdem hat Ulrike eine gleiche Singer-Nähmaschine zuhause, die wir während der Reparatur benutzen können.

    Der wunderbare Nähmaschinenladen in Arrecife

    Am Mittwoch Vormittag fahren wir nach Arrecife, um die defekte Maschine abzugeben. Wir kommen in ein Geschäft, das, laut Aussage eines hiesigen Freundes, so aussieht, als gäbe es ihn bereits 100 Jahre. Die Besitzer sind ein älteres Ehepaar, die unsere einfache Singer kritisch beäugender, aber ich versuche zu erklären, dass wir sie ja „nur“ auf unserem Boot benutzen, und dass sie dafür durchaus ausreichend ist.

    Die “richtige” Singer

    Naja, der freundliche Herr erklärt sich dann doch bereit, die Maschine zu reparieren, meint aber, die schöne ältere Singer mit wahlweise Fußantrieb oder elektrisch könne man doch auch gut auf einem Boot mitnehmen.

    Wir haben auf Ulrikes Maschine gestern Nachmittag den Schonbezug für die Segellatten fertig gestellt.  Drei lange Stücke haben wir mit einer sauberen Jeansnaht aneinander  genäht, dann hatten wir eine neun Meter lange Bahn.

    Hexenzickzack

    Um diese jetzt zu einer stabilen runden Hülle zu schließen, haben wir uns den „Hexenstich“ ausgedacht: mit Zickzacknähten gesäumt, und dann die Zickzacknähte wiederum mit einer Zickzacknaht aufeinander verschlossen. Soviel Zickzack können nur Hexen mit ihrem Hexenbesen…

    Warten auf die Drinks im Upper-Deck

    Die Enden wollte Volker mit einem Bändchen verschließen, die Latten werden mit Kabelbindern an die Reling gehängt. Zum Schluss waren wir stolz auf unser Werk und konnten mit Eva und Walter vom Nachbarboot, der „Indigo“, ausgelassen feiern.

  • Finalmente Puerto Calero – buenas días!

    Sonntag, 11. Juli – Montag, 12. Juli 2021, Baro 1025, Wind vorherrschend Nord-Nordost zwischen 16 und 30 Knoten

    Quinta do Lorde 11.07. 06:40 – Puerto Calero 12.07. 15:00, 304,7 sm

    Der zweite Teil

    Der Gennaker zieht

    Nach dem ersten Frühstück hat hat der Skipper um 13:00 Uhr ausgeschlafen, der Wind hat abgenommen auf 13-14 Knoten, auch die Wellen sind etwas kleiner, dann muss natürlich sofort zuerst die Genua, dann aber auch das Großsegel ausgerefft werden. Mal sehen, wann er den Gennaker setzt. Das hätte ich vielleicht nicht schreiben sollen, denn natürlich wird zehn Minuten später der Gennaker rausgeholt und um 14:00 Uhr steht das bunte Segel, bei um die 15 Knoten Wind haben wir wieder über zehn Knoten Geschwindigkeit.

    Fototermin

    Leider nimmt der Wind wieder ein bisschen zu, und eigentlich sollen wir den Gennaker nur bis 15 Knoten wahren Wind stehen lassen. bis zu 14 Knoten Fahrt zeigt die Logge mit dem bunten Vorsegel an. Als Volker dann die 20 Knoten auf dem Display sieht, nehmen wir den 190 Quadratmeter großen Gennaker halt wieder weg, und rollen die Genua aus. Der Wetterbericht, den ich über die Kurzwelle geholt habe, sagt auch voraus, dass der Wind gegen Nachmittag/Abend zunehmen soll, nun passiert das vielleicht schon etwas früher. Das war halt nur ein kurzes Vergnügen, aber wenigstens konnte Ulrike ein paar schöne Photos machen.

    Heute kein Anglerglück?

    Der Wind bleibt beständig, wir sind unglaublich schnell. Ulrike und ich sitzen „auf der Brücke“, sozusagen am Außen-Kommandostand, und träumen und ratschen ein bisschen auf Frauenart. Eigentlich wollten wir am Abend einen frisch gefangenen Fisch essen, und Volker hat auch die Angel aus dem Vorschiff geholt, der bunte Kalmar zappelt als Köder durchs Wasser, aber noch hat kein Fisch angebissen. Dann müssen wir zum Abendessen halt doch die Reste von der Lasagne essen, vielleicht haben wir ja morgen noch Anglerglück.

    Noch kein Sommer: Die Gäste mit Anorak und Mütze

    Als Volker erwacht und nach oben kommt, drehen wir die Genua ein bisschen ein. Doch wir bleiben schnell, ab und zu hebt eine große Welle das Boot an, und beschleunigt es. Um 19:00 Uhr haben wir ein Halbtages-Etmal von 118 Meilen, und ab dann beschleunigt der Wind mal wieder auf gut über zwanzig Knoten, wir reffen das Großsegel. Auch die Wellen sind wieder höher, sicher zwei Meter, und es fällt ein leichter Regen. Hinter uns ist es ganz dunkel, hoffentlich kommt da nicht noch mehr Wind.

    Sunset

    Vor dem Abendessen drehen wir die Genua zwei Umdrehungen ein, das Boot fährt immer noch mit einer Geschwindigkeit von deutlich über zehn Knoten, die Wellen allerdings sind noch ein bisschen höher geworden, und manchmal knallt so ein Brecher ans Brückendeck und es rumpelt ganz laut. Um 21:30 ist die letzte Tageshelligkeit verschwunden, und leider wird es auch eine richtig dunkle Nacht werden, denn vorgestern war Neumond, da leuchtet uns keine gelbe Scheibe durch die Nacht. Außerdem ist es sowieso bewölkt, da hätte auch der schönste Mondenschein wenig Chancen.

    Nachtwache

    Das Nachtsofa wird hergerichtet, also der Tisch im Salon abgesenkt und eine große Liegewiese entsteht, wo wir alle noch ein bisschen in den Ecken sitzen können und uns die Zeit vertreiben mit lesen, rätseln oder Handy-spielen. Carl-Martin zieht sich zurück ins Bett, dann kann er sich mal so richtig ausschlafen. Etwas später geht auch Ulrike in die Kabine, um 23:30 lege mich nach unten, Volker hält Wache. Irgendwann wird es mir unten zu bunt, die lauten Wellen schlagen gegen den Rumpf, und jeden Surf des Bootes bekomme ich dort verstärkt mit. Volker gibt mir ein Stück von dem Sofa ab, hier ist der ruhigste Punkt im Boot.

    Das war noch nicht die Spitze, aber bei 17 Knoten ist nie der Foto zur Hand!

    Über die Kurzwelle hatte ich noch einen Wetterbericht geholt, die Gribfiles sagen, dass es so bleiben wird bis nach Lanzarote, ca. zwanzig Knoten Wind aus Nordnordost, in Böen auch mal bis dreißig Knoten. Die Wellenhöhe beträgt weiterhin ca. 2,5 m, eventuell kann es im Laufe der Nacht etwas abflauen, dann verringert sich auch die Welle. Am südlichen Ende von Lanzarote wird es ganz bestimmt ruhiger werden, schon weil wir dort im Windschatten der Insel entlang fahren, ehe wir die letzten sieben Seemeilen bis Puerto Calero werden kreuzen müssen. Aber das wird ja dann erst morgen im Laufe des Tages sein. Tatsächlich lässt der Wind ab 02:00 Uhr ein kleines bisschen nach, die Genua wird ausgerefft, aber der Wind kommt immer weiter östlich, der Windwinkel wird immer spitzer, Volker schotet das Groß enger und auch die Genua, am Ende haben wir Halbwindkurs, aber mit 16 Knoten ist das ausgesprochen angenehm, die Wellen knallen nicht mehr so und die Schiffsbewegungen werden geschmeidiger.

    Beim Motoren muss der Wassergenerator eingeholt werden

    Ab 04:00 lässt der Wind immer mehr nach, wir schütten das Reff aus dem Großsegel, und jetzt dreht er auch wieder auf den vorherigen Windwinkel NO, das ist dann wieder ein Raumschotkurs, aber leider reicht der Wind nicht mehr zum Segeln, bei Bootsgeschwindigkeiten unter fünf Koten motoren wir. Um 05:00 Uhr sind wir 22 Stunden gesegelt und haben 219 Seemeilen auf der Logge, das ist ein Schnitt von 10 Knoten! Natürlich versaut uns das jetzige Motoren die Durchschnittsgeschwindigkeit, aber angeblich soll ab 09:00 Uhr der Wind wieder auffrischen. Das macht der gute Wind tatsächlich schon früher, ab 05:50 können wir wieder segeln, und sind dann schneller als unter Motor. Bei 14-16 Knoten und einem Windeinfallswinkel von 140-148° segeln wir über 7 Knoten schnell. Das ist auch gut so, denn ein großes Containerschiff würde, wenn wir die geringere Geschwindigkeit von knapp über sechs Knoten beibehielten, in nur einer halben Seemeile passieren. So aber fahren wir mit einem Abstand von zwei Seemeilen vor dem Containerschiff durch.

    Frühstück im Cockpit

    Um 06:00 Uhr weicht im Osten die tiefschwarzer Nacht bereits einer sehr sehr zarten Helligkeit, um 06:30 kann man rund ums Boot eine klare Linie zwischen Meer und Himmel unterscheiden, und im Nahbereich sind die Wellenbewegungen sichtbar. Die Nacht ist vorbei! Das Etmal um 07:00 ist 234 sm, das entspricht, trotz der kurzen Schwachwindphase in der Nacht, einem Tagesdurchschnitt von 9,75 sm, das freut insbesondere den Skipper und Carl-Martin, und ich freue mich über die flachere See bei gutem Wind. Inzwischen sind auch unsere Gäste aus ihren jeweiligen Kabinen gekrochen, es gibt einen ersten löslichen Kaffee, und ich setze den Hefeteig für die Brötchen an. Rechtzeitig zum Frühstück fangen die ersten Handys an zu piepen, wir haben wieder ein Mobilfunk-Netz, wenn auch nur schwach, es reicht noch nicht für einen Video-Anruf mit unserer kleinen Enkelin. Wir sitzen am Frühstückstisch und alle schauen wie gebannt auf ihre Handys. Das war ja auch ein Entzug von von fast 24 Stunden!

    12:30 Uhr sind wir am Leuchtturm Pechiguera, dem südwestlichsten Ende von Lanzarote, nun sind es nur noch 13 Meilen bis Puerto Calero, wo Hafenmeister Alex unseren angestammten Liegeplatz frei gehalten hat und die Marineros schon auf uns warten, um die Leinen anzunehmen. Am Südende Lanzarote ist der Wind wie vorhergesagt eher schwach, aber auf dem letzten Stück nach Calero haben wir natürlich den Wind direkt auf die Nase, wir müssen tatsächlich, wie befürchtet, das letzte Stück heftig gegenan kreuzen. Es weht so heftig, dass Volker am Ende seine Mühe hat, das Großsegel ordentlich aufzutuchen. Nun müssen alle mithelfen, die Fender zu hängen, die Leinen vorzubereiten, und den Hafen zu informieren, dass wir gleich reinkommen werden.

    Angekommen, am ersten Abend.

    Was für eine tolle Überfahrt, unsere schnellste längere Reise bisher, und das Gute war, dass es am Anfang anstrengend war, mit dem vielen Wind und den hohen lauten Wellen, und dass die Reise dann, im Laufe der Nacht, immer angenehmer wurde.

  • Madeira ade!

    Kurz vor sechs Uhr sind wir beide wach, eine starke “Quinta-do-Lorde-Böe hat uns aufgeweckt, nachdem der starke Wind, der uns die letzten fünf Tage schrecklich genervt hatte, heute Nacht ein bisschen nachgelassen hatte. Sollen wir jetzt noch die halbe Stunde schlafen, bis der Wecker klingelt, oder aufstehen und einfach losfahren? Wir entscheiden uns fürs Losfahren, wecken Ulrike und Carl-Martin, und mit dem ersten Morgengrauen sind wir unterwegs.
    Natürlich hat pünktlich zum Ablegen der Wind wieder ordentlich aufgefrischt, mit voller Kraft heulen die Fallböen von den Klippen.

    Aber um 07:00 Uhr sind wir aus dem Hafen, das Großsegel ist im ersten Reff gesetzt und wir „fliegen“ Lanzarote entgegen. Am Anfang sind es gut 24 Knoten Wind, einige Böen haben sogar über 30 Knoten im Gepäck, auch die Genua ist eingerollt auf Reff 1. Wir fahren im Wellenschatten der langgezogenen Isla Deserta vorbei, danach sind die Wellen wieder gut zwei Meter hoch und die Hexe läuft beständig über 10 Knoten schnell, bei einem Top-Speed von 16,8 Knoten schreien Ulrike und der Skipper vor Wonne auf. Fünf Stunden nach dem Segelsetzen liegen mehr als fünfzig Meilen in unserem Kielwasser, eine durchschnittliche Geschwindigkeit von über 10 Knoten!

    Überall in der Luft ist feiner Sprühnebel aus Meerwasser, der von den weißen Schaumkronen auf den Wellen durch die Luft fliegt, wir halten die Schiebetür bis auf einen kleinen Spalt geschlossen. Die Bootsbewegungen durch die schräg von achtern heranrollenden Wellen sind enorm, man muss sich immer mit einer Hand festhalten, um nicht durch das Schiff zu fallen. Auch mein beweglicher Schreibtischstuhl am Kartentisch, auf dem ich jetzt beim Schreiben sitze, gleitet um seinen Drehpunkt und sorgt dafür, dass ich meine Bauch- und Beinmuskeln trainiere.
    Um kurz nach neun Uhr höre ich Uwe von Intermar, unter anderem mit der Wettervorhersage, allerdings waren wir da noch in der Abdeckung von der Deserta und der Empfang war nicht so klar wie sonst, wenn wir auf dem großen weiten Meer unterwegs sind.
    Um 10:00 Uhr gibt es Frühstück im Cockpit, sicherheitshalber auf rutschfesten Unterlagen, mit selbstgebackenen Brötchen, Rührei und Speck. Danach ist Ruhe im Schiff, fast alle legen sich zu einem kleinen Vormittagsschläfchen nieder, der Wind hat auch ein bisschen nachgelassen, es weht nur noch mit 16-19 Knoten, weiterhin aus Nordost, die Wellen werden ein bisschen kleiner, und ab und zu wagt sich ein Sonnenstrahl durch die dünne, aber ansonsten geschlossene Wolkenschicht.

  • Rundfahrt durch eine vielseitige Insel

    Am Donnerstag ist zuerst unser langjähriger Segelfreund Carl-Martin aus Holland angekommen, und nachmittags landete dann auch Ulrike aus Lanzarote hier in Madeira. Die Landebahn von Funchal ist schon sehr speziell, eine unglaubliche Brückenkonstruktion, eine Ingenieursleistung der Spitzenklasse. Aber auch, wie unser Pilotenfreund Matthijs uns erklärte, eine der schwierigsten Landebahnen für die Flugzeugführer.

    Am Freitag nun wollten wir einen Ausflug über die Insel machen, ich hatte schon verschiedene Routen mit den wichtigsten Attraktionen zusammengestellt, je nach Wunsch etwas länger oder kürzer. In unseren Clio würden wir alle reinpassen, wenn wir uns ein bisschen zusammenfalten, aber dann war in der Nacht so viel Wind und solche schrecklichen Böen, dass Volker es vorzog, beim Boot zu bleiben. Das war auch gut, denn die kleinen Gummis, die das Cockpitzelt spannen, gaben irgendwann der Kraft des Windes nach.

    Ein typisches Dreieckshäuschen
    … mit Inneneinrichtung
    dieses ist noch bewohnt

    So machten wir uns zu dritt auf, fuhren zunächst über eine der hervorragend ausgebauten Schnellstraßen der Insel, mit denen schwierige Steigungen einfach untertunnelt werden, zu der im Norden gelegen kleinen Stadt Santana. (Nein, Carlos kommt nicht von dort!). Da stehen die kleinen strohgedeckten Dreieckshäuschen, die auch das Wahrzeichen der Insel sind. Wir konnten in ein paar reinschauen, dort hatte man es so eingerichtet, wie es vielleicht tatsächlich mal benutzt wurde, in anderen wurden Souvenirartikel wie Korktaschen oder gewebte Tücher angeboten.

    Trompetenblumen
    Handtellergroße Hortensienblüten

     

     

     

     

     

     

     

     

    Gleichzeitig blühten dort Sträucher und Blumen, wie Hortensien, Dahlien, Trompetenblumen und andere in so vollendeter Pracht und mit riesig großen Blüten. Unglaublich schön!

    Ausblicke auf die Küste

    Nach einem kleinen Kaffee, zu dem uns Carl-Martin eingeladen hatte, ging es weiter, zurück aus dem Ort, über Straßen, die in einem gefühlten 45°-Winkel nach oben und auch wieder nach unten führten, danach fuhren wir wieder auf einer etwas ausgebauteren Straße an São Jorge vorbei. Von dort hat man unglaubliche Aussichten auf die Steilküste und die kleinen Buchten mit dem schwarzen Lavagestein, in denen sich zum Teil natürliche Schwimmbecken bilden. Außerdem ist die Gegend um São Jorge berühmt für den Lorbeerwald, der sogar unter dem Schutz der UNESCO steht. Weiter ging es bis São Vicente, immer entlang der Küstenstraße, vorbei an üppig grünen Hängen, die Straße gesäumt von blauen und weißen Blüten.

    Üppiges Pflanzenwachstum

    An einem der Miradores, der Aussichtspunkte, stand ein kleiner Lastwagen mit einem Menschen, der uns leckeres Obst von der Insel verkaufte, eine kleine Wegzehrung aus leckeren Bananen, Kiwi, Maracujas und Chirimoyas. Gut, das meiste haben wir mit zum Boot genommen und dort gegessen. Auffällig war, dass es auf der Nordseite der Insel so unglaublich feucht war, immer wieder viel leichter Nieselregen aus den tiefhängenden Wolken, naja von nichts kommen auch keine blühenden Sträucher entlang der Straße.

    Durch die Inselmitte schenken wir uns die Panoramastraßen, denn da fährt man durch eine Haarnadelkurve nach der anderen, und es würde sicher zwei Stunden länger dauern, um auf die südliche Seite Madeiras zu kommen. Endlos lange Tunnelstrecken, hervorragend ausgebaut, sind in die Berge eingebaut und führen uns schnell nach Ribeira Brava.

    Sonnenschein

    Unser Erstaunen ist groß, denn nach der letzten Tunnelausfahrt sind wir im Sommer angekommen. War es auf der Nordseite kühl, feucht und grau, so scheint jetzt hier die Sonne, blühende Blumen gibt es weiterhin, aber nicht in solch überbordender Fülle, die Bananen wachsen an den Sträuchern. Weinstöcke gab es auf beiden Seiten der Insel, das sind im wesentlichen die Trauben für den berühmten Madeirawein.

    Durch Ribeira Brava spazieren wir, an der Kirche vorbei zum Strand, unglaublich, wie warm es jetzt ist. Aber natürlich auch viel trockener, wenn es hier nicht permanent aus den tiefhängenden Wolken regnet. Dort erreicht uns ein Anruf von Volker, dass wir uns doch einmal die Marina in Calheta anschauen sollten, ob wir vielleicht mit der Hexe dorthin könnten, um endlich dem Wind in Quinta do Lorde zu entfliehen. Das ist gut, denn dort wollte ich sowieso gerne vorbei fahren, die Praia de Calheta ist der einzige helle Sandstrand der Insel, und somit auch ein „Must-See“. Die Marina hat uns gut gefallen, mit vielen kleinen Restaurants und Geschäften, aber leider ist dort kein Liegeplatz für uns frei. Naja, dann reservieren wir das nächste Mal einfach ein paar Tage früher.

    Auf dem Rückweg schenken wir uns den Abstecher in die Inselhauptstadt, inzwischen ist es schon spät geworden, und wir wollen noch einkaufen, solange wir das Leihauto haben.

    So kehren wir nach einem ausgiebigen Ausflug durch die verschiedenen Klimazonen von Madeira, mit zumTeil abenteuerlichen Straßen, und wunderschönen Eindrücken, zufrieden und mit den Händys voller Photos, zurück zum Boot.

  • Nach Madeira Tag 6: Die Ankunft auf Porto Santo

    Freitag, 02.07.2021, Baro 1018, klar, Wind 4 Knoten aus NW
    Position 33°14’344N; 016°07’839W

    06:00 Uhr, noch 13 sm bis zur Anteuerung von Porto Santo. Über uns ist ein beeindruckender Sternenhimmel, und wenn das Boot durch das Wasser pflügt, leuchten die kleinen Algen im Meer. Der Leuchtturm an der Ilheu de Cima ist schon über eine Stunde zu sehen, damit es uns nicht zu langweilig wird, ist gerade auch noch ein Frachter nach Cartagena in Columbien drei Seemeilen hinter uns durchgegangen. Wir sind immer ganz interessiert daran zu schauen, wo die großen Tanker und Frachter so hinfahren. Im AIS stehen sowohl die voraussichtliche Ankunftszeit wie das Ziel, allerdings immer in Abkürzungen, da sind Kombinationsvermögen und Geografiekenntnisse gefragt, das hier war leicht, wenn da steht CO CTG, aber gestern kam einer, der wollte nach NXEUX, das klingt doch sehr französisch, aber der sollte am 10. Juli wo auch immer eintreffen. Der Richtung nach führ er eher zum Panamakanal. Spannend, oder? Für was man sich so auf reizarmen Seereisen interessieren kann.

    Draußen ist es immer noch stockdunkel, aber hier ist es ja eigentlich eine Stunde früher, wir müssten mal langsam unsere Uhren umstellen. Das erledigt sich fast von selbst, denn als wir uns dem Land nähern und die mobilen Geräte wieder Empfang haben, stellen sich alle Uhren von selbst um.

    Um 07:00 Uhr Ortszeit, 06:00 UTC, geht die Sonne auf, vorher dämmert es schon leicht, und wir sehen die Insel in ihrer ganzen kargen Schönheit vor uns liegen. Wir fahren zu dem langen Sandstrand, für den Posto Santo berühmt ist, schon weil Madeira wohl keinen hat, davor fällt der Anker und wir sind angekommen.

    Am 02. Juli 2021, 09:00 portugiesischer Zeit, wir sind 799,17 sm gefahren in 118 Stunden seit A Coruna, unser beider bisher längste Strecke ohne Land. Es war eine wunderbare Überfahrt, die wir beide sehr genossen haben.

  • Nach Madeira Tag 5: Endspurt

    Nach den 5 Geschwindigkeits-Vorhersagemodellen für unser Boot, die wir noch in A Coruna erstellt haben, sollten wir eigentlich am heutigen Tag auf Madeira, bzw. der kleinen Nachbarinsel Porto Santo ankommen. Zur Zeit sind wir noch über 80 Seemeilen von unserem Zeil entfernt und gehen davon aus, dass wir morgen so um die Mittagszeit den Anker im weitläufigen Hafenbecken von Porto Santo werfen, und, unter anderem, unser bisher längstes Seestück ein bisschen feiern können.

    Warum liegen wir hinter dem Vorhersagemodell? Dafür gibt es mehrere Erklärungen, eine davon ist, dass wir der Kurslinie des Modells nicht gefolgt sind, sondern ca. 80-100 Seemeilen westlicher davon entlanggesegelt sind, so konnten wir die portugiesischen Fischernetze und die große Fischerflotte elegant umschiffen, hatten dafür jedoch insgesamt weniger Wind. Zudem hat bereits am ersten Tag für die ersten neun Segelstunden keines der Modelle den schweren West-Süd-Westwind vorhergesagt, der uns dazu zwang, mit langsamer Geschwindigkeit, gegen 25 Knoten Wind und Welle anzumotoren.

    Und seit gestern weht der Wind schwächer, bzw. aus einer komplett anderen Richtung, als er für unser Seegebiet vorhergesagt ist. Aber, und das ist ein echt dickes aber, wir fühlen uns schlichtweg pudelwohl auf dem friedlichen Atlantik, so macht es uns gar nichts aus, dass wir aus den vorgenannten Gründen einen Tag später ankommen werden. Im Gegenteil, wir genießen gerade jede Minute in dieser einsamen Wasserwüste, in der, wenn es hochkommt, an einem Tag zwei Frachter irgendwo um uns rum oder in weiter Ferne vorbei schippern. Sonst ist hier nix los, nada, niente. Man könnte auch sagen, hier sind nicht Fuchs und Hase begraben,sondern eher Möwe und Walfisch. Der Atlantik ist momentan so ruhig, dass man sich auf einem Binnensee wähnt, der nicht vorhergesagte Ostwind fächelt mit 5-7 Knoten, der Kat segelt auf einem Halbwindkurs mit nahezu Windgeschwindigkeit, dazu ist es so angenehm warm, dass auch nachts die kurze Hose und eine dünne Sweatjacke ausreichen. (Anmerkung der Capitania: „Wenn ich mich flach auf den Rücken lege, spüre ich das Atmen der Meeres, auch wenn das wie ein Klischee klingt.“)

    Ein paar Motorstündchen sind seit gestern notwendig gewesen wegen Windmangels, aber motoren wegen Windmangels, ist ja, zumindest mit unserer Einstellung, wie Urlaub auf dem Wasser, weil man dann nicht an den Leinen und Segeln rumzupfen muss. Zumal man so eine Segelpause und quasi Strom im Überfluss für nützliche Dinge verwenden kann. So hat die Capitania, die Gunst der Stunde dazu genutzt, eine Waschmaschinenladung zu waschen, und ich habe dem Wassermacher angestellt, damit die Wassertanks ein bisschen aufgefüllt werden, damit wir am zukünftigen Ankerplatz nicht mit dem Wasser sparen müssen.

    Zudem lesen wir wie die Weltmeister, weil es soviel freie Zeit gibt. ich habe schon 3,5 Bücher verschlungen…
    Das erste Buch, was ich aus unserem Bücherregal gekramt habe, heißt „Ostsee Prinzessin“ von Merle Ibach, die in jungen Jahren, mit schmalem Budget und kleinem Schiff, eine mehrmonatige Ostseerundreise bis ins ferne St. Petersburg erfolgreich absolviert hat.
    Das zweite Buch beschreibt eine 2-jährige atlantische Rundreise von Deutschland aus bis in die Karibik und zurück, und enthält unter anderem, meiner Ansicht nach, viel nützliche Informationen über die verschiedenen Karibikstaaten und Inseln. Das Buch ist von der Schweizerin Regula Gurtner verfasst und hat den netten Titel „Bis morgen – in zweieinhalb Jahren“.
    Das 3. Buch kann man mit seinen über 400 Seiten beinahe als dicken Schinken bezeichnen und ist von dem zur Zeit wohl erfolgreichsten deutschen Autor für Psyschothriller, Sebastian Fitzek. Das packende Buch, das ich beinahe in einem Rutsch durchgelesen hab, heißt „Passagier 23“ und die Handlung spielt passender Weise auf hoher See.
    Und im Moment lese ich die „Ländersammlerin“ eine Reisebeschreibung von der Frankfurterin Nina Sedano, die sämtliche, von den Vereinten Nationen, anerkannten 193 Länder dieser Erde, zu Luft, zur See, mit dem Auto, der Bahn, dem Pferd und zu Fuß bereist hat.

    (Und noch eine Anmerkung der Capitania: “Glücklicherweise bleibt dem Skipper neben der umfangriechen Lektüre noch genug Zeit, um ein leckeres Abendessen zuzubereiten.”)

  • Nach Madeira Tag 3, Rest und Tag 4

    Dienstag, 30.06.2021, zweiter Teil, aus dem Logbuch:

    13:00 Uhr Nach dem späten Frühstück (heute eine Stunde früher als gestern das wirkliche Spätstück) holt der Skipper noch ein bisschen Schlaf nach, hier auf seiner gemütlichen Couch. Ich übernehme, mache die Daten fertig für Volkers heutigen Bericht im Blog, und sehe im AIS auf unserem Plotter, dass ein Frachter mit Ziel Skagen in Dänemark direkt auf uns zukommt. Ich beobachte den Kurs der „Golden Empress“, der goldenen Kaiserin, aber sie kommt weiterhin direkt auf uns zu. So richtig nach Kaiserin sieht sie beim näheren Hinschauen nicht aus, eher wie eine gewöhnliche Bürgerin, aber vielleicht hat sie innere Qualitäten. Ihr Skipper war auf jeden Fall sehr freundlich, denn als sie noch ca. 20 Minuten entfernt ist, und weiterhin direkt auf uns zuhält, rufe ich auf Kanal 16, und bekomme auch postwendend eine Antwort. Ich frage, ob sie vor uns durchgehen, dann müssten sie mal ein bisschen aufs Gaspedal, oder an unserer backbord-Seite vorbei fahren. Der Mensch am Funk sagt, ja, er wolle auch gerne wissen, was unsere Intention sei, ob wir unseren Kurs beibehalten möchten? „Ja,“ sage ich, „wir sind ein Segelboot und vom Wind abhängig, ich würde schon gerne unseren Kurs beibehalten.“ „Ist gut“, sagt er, „then we will pass at your stern“, er geht nicht vorne durch, sondern an unserer Backbord-Seite vorbei. Geht doch, oder? Wir wünschen einander noch eine gute Reise, und fahren unserer Wege.

    Um 14:30 hätten wir theoretisch die Hälfte der Strecke hinter uns, 392 sm sind wir bereits gefahren laut Zähler, und auf der geraden Strecke liegen noch 386 sm vor uns. Aber da sind keine Halsen oder andere Umwege drin, also schaumermal…

    16:15 Uhr Der Wind hat nachgelassen, wir setzen den Genaker, bisher hatte ich so meine Bedenken (aber die hab ich ja gerne), od wir zwei allein das noch gut handeln können, schließlich merke ich leider, dass ich nicht mehr so mobil und vor allem so stabil bin wie früher. Und wenn dann nachts der Wind plötzlich auffrischt und alles sehr schnell gehen muss, fange ich auch gerne an, Fehler zu machen. Das ist dann auch ziemlich doof. Aber jetzt ist es natürlich sehr gut, und Volker hat auch darauf bestanden, dass ich die Schoten lege, damit ich das wieder wie selbstverständlich in meinem Kopf habe, das hilft auch gegen die Fehler aus Panik.

    Der Gennaker zieht sehr gut, wir sind viel flotter unterwegs, und die Wellen sind dadurch auch angenehmer. Es sind immer so 14-16 Knoten Wind, und wir können inzwischen sogar den Kurs auf der Ideallinie nach Porto Santo halten. Es braucht nur viel mehr Aufmerksamkeit, den so an der Kante zu fahren bedeutet, dass man auf jede kleine Winddrehung reagieren muss, auf der einen Seite nicht zuviel von dem Idealkurs abzukommen, und auf der anderen Seite nicht so weit vor den Wind zu geraten, dass das Boot zunächst viel langsamer wird und durch weiteres Abfallen das oot mit dem Heck durch den Wind geht, das hätte eine ungewollte Halse, die sogenannte Patenthalse als Folge.

    Zum Abendessen gibt es Schweinelende und ein Stück Rindersteak,lecker mit Zwiebelringen, Reste von dem gestrigen Risotto und Rosenkohl aus dem spanischen Supermarkt.Danach überlegen wir gerade die Schlaf-Strategie für die Nacht, denn mit dem Genaker können wir uns nicht so eine faule Nachtwache wie die letzten beiden Nächte erlauben, als der Wind deutlich auf über 20 Knoten auffrischt und Volker nur sagt: „Der Genaker muss weg“. Der Skipper ist schon ein wenig traurig, denn gerade lief es so schön, aber für die Nacht ist das schon eher vernünftig. Und wir müssen ja keine Regatta gewinnen, jetzt, auf unserer Reise.

    Matthijs hat uns wieder eine sehr detaillierte Beschreibung des Streckenwetters und der möglichen Strategien über die Kurzwellenmail geschickt, leider ist er davon ausgegangen, dass wir seiner Empfehlung gefolgt sind, und viel weiter östlich sind als es tatsächlich der Fall ist. Trotzdem kommen wir bis jetzt gut voran, das Halbtagesetmal um 23 Uhr liegt bei 97 sm, das entspricht quasi dem Etmal bis 11:00 Uhr heute Mittag.
    Ich gehe jetzt ins Bett, Volker schaut mal, was die Nacht so bringt, und dann sehen wir morgen weiter. Gute Nacht!

    Mittwoch, 30.06.2021, Baro 1021, Sonnenaufgang, leicht bewölkt, Wind N um 3, See ruhig

    Meilenstand um 07:00: 508 sm seit A Coruna. 53 Meilen sind wir gefahren seit gestern Abend um 23 Uhr, das ist zwar nicht viel, aber im Moment müssen wir ja auch keine Regatta gewinnen. Da hier um uns herum fast keine Schiffe fahren, ist es auch eher ruhig, wenn das Wetter sich nicht grundlegend ändert, also konnten der „Skipper unn sin Fru“ hervorragend schlafen, und ab und zu mal einen Blick auf den Windeinfallswinkel und das AIS werfen.

    Der Wetterbericht von heute Morgen bestätigt die Annahmen von Matthijs und uns von gestern: Es wird eher weniger Wind, wir werden das wenige ausnutzen und nicht noch zusätzliche Meilen in Kauf nehmen, nur um ein paar Knoten mehr Wind zu haben. Volker denkt noch über die Alternative Gennaker oder Spinnaker nach, das sei sein Bier, habe ich gesagt, ich bin dabei nur für die Wetterberichte zuständig.

    Wie schön ist es, wenn am Morgen zum Sonnenaufgang die Sonne auch wirklich scheint! Heute morgen sieht es hier wirklich aus wie im Film, auch wenn des Seglers Herz dabei blutet: Kleine langgezogene Schäfchenwölkchen, eine absolut flache See, 360 Grad um uns herum, nur schade, dass dabei der Motor laufen muss, weil für diesen Kurs, mit leichtem Wind komplett von hinten, die Segel nicht gut stehen würden, es sei denn, s.o., wir würden den Spinnaker setzen. Aber nun muss auch erstmal der Wassertank gefüllt werden mit dem Wassermacher, und das machen wir nur unter Motor, weil der sonst zuviel Strom aus den Batterien zieht.

    09:50 Gennaker steht, Kurs 225, SOG 6,8kn, TWS 9-10 kn, TWA 140°, noch 258 sm bis Porto Santo.
    10:30 Gehalst Kurs jetzt 150°
    11:15 Spinnaker steht, Kurs 188°, Wind 5-6 Knoten
    12:00 gesegelte Meilen seit A Coruna 537 sm, Tagesetmal um 11:00 Uhr 177 sm

    Der Wind reicht einfach nicht aus, um den Spi sinnvoll stehen zu lassen, deshalb bergen wir ihn. Leider mache ich beim Öffnen der Klemme für das Spifall am Mast irgendeine unbedachte Bewegung, und schreie auf über den Schmerz, wieder so ein Hexenschuss! Und das auf der Hexe!
    Jetzt muss Volker den Spi packen, eigentlich ist das meine Arbeit, und mir eins von den selbstgebackenen Brötchen schmieren, denn momentan kann ich nur liegen. Der Wind wird noch schwächer und hat leider noch nicht gedreht, wir motoren erstmal, damit wir ein Stückchen vorwärts kommen. Der Skipper darf noch eine Runde Nachtschlaf nachholen, danach lege ich mich auch nochmal ins Bett, und hoffe, dass danach mein Rücken wieder halbwegs einsatzbereit ist.

    Als ich aufwache, ist es draußen inzwischen richtig warm, so wie sich das für einen solchen Sommertag gehört. Leider ist immer noch kein Wind und mittlerweile ist der blaue Himmel einer fast kompletten Wolkendecke gewichen. Und so wild bewegt die Wellen am Anfang unserer Überfahrt gewesen sind, so ruhig und glatt erscheint die See jetzt. Aber tief, tief! Über 4.000 m, das war es allerdings auch schon in der Biscaya. Nur manchmal sind kleine Meeresberge darin, dort stehen dann nur noch 100-200m in der Seekarte.

    Um 18:30 hat der Wind soweit gedreht, das wir den Gennaker auspacken können, es sind immerhin sechs bis sieben Knoten aus Nordwest, die uns mir ca vier bis sechs Knoten Fahrt Richtung Madeira bringen. Um 20.00 Uhr liegen noch 200 Seemeilen bis Porto Santo vor uns, bei durchschnittlich vier Knoten Fahrt sind das noch fünfzig Stunden, dann kämen wir nach 22 Uhr am Ankerplatz an; bei fünf Knoten Fahrt wäre es noch hell, und bei sechs Knoten…

    Morgen sehen wir weiter.

  • Der dritte Tag auf See

    Der Skipper berichtet:
    Tiefliegende Wolken bedecken den Himmel, der sonst so blaue Atlantik erscheint als graue Wasserwüste, einen Silberstreif am Horizont gibt es im Moment nicht. Jedoch, wir kommen gut voran, der Nordwind ist unser treuer Begleiter, und entgegen der geplanten Strategie, ganz nahe an Portugals Küste vorbeizusegeln, haben wir uns nach dem gestrigen Wetterbericht über Kurzwelle dazu entschieden, einen direkteren Kurs nach Madeira einzuschlagen. Der Windgürtel hat sich weiter nach Westen verschoben als ursprünglich vorhergesagt. Wir segeln mit flotten 8-10 Knoten, mit vollem Großsegel und der Genua, bei 15-21 Knoten Wind von schräg hinten. Und das auf direktem Kurs nach Madeira, sprich 213 Grad. Das Ziel liegt noch 428 Meilen entfernt.
    Bei dem guten Speed ist unser Hydrogenerator der Energielieferant Nummer 1 und das rund um die Uhr, auch ohne Sonnenschein. Denn die Solarpaneele brauchen die Sonne und die hat heute wohl Urlaub. Der Autopilot, die Plotter, der Kühlschrank, der Spannungswandler zum Laden der Computer und einige andere kleinere elektronische Helfer saugen gut 120 Watt, was bei unserem 24-Volt-System ca. 5 Ampere entspricht, stündlich aus unserer Batteriebank. Neben der Bewölkung sorgen auch die kürzer werdenden Tage für einen schlechteren Ertrag der Solarzellen. Wir sind jetzt schon soweit im Süden, dass es erst morgens nach 6 Uhr hell wird und abends um 22.30 bereits wieder stockdunkel ist, und das verschiebt sich mit den gesegelten Meilen nach Süden zum negativen. Doch nach all den Problemen, die wir mit dem Hydrogenerator hatten, lädt er jetzt unsere Batterien, rund um die Uhr, zuverlässig voll. Ansonsten ist das Leben so fern ab von allem, zu zweit auf dem weiten Ozean, sehr angenehm. Wir haben uns eingeschaukelt, uns dem Rhythmus des Meeres angepasst, backen täglich frische Brötchen, Cornelia hört/spricht täglich in der Amateurfunkrunde von Intermar, ich absolviere ein tägliches Sportprogramm und abends kochen wir zusammen, ein herrliches Leben in unserem eigenen Kosmos.
    Zumal es hier fast keine Frachter und Fischer gibt, und wir das Meer fast für uns alleine haben.
    Unseren Wachrhythmus haben wir komplett umgestellt und weichen damit auch vom üblichen Schema an Bord der meisten Fahrtenyachten ab. Im Moment ist es so, dass die Capitania um 23 Uhr abends zu Bette geht und dann erst, so gegen 7Uhr morgens wieder auf der Bühne erscheint (Das stimmt nicht ganz, ich, die Capitania, komme zwischendurch immer mal nach oben, frage, ob der Skipper gerne schlafen möchte, und er schickt mich dann wieder zu Bett mit der Aussage, dass er ja zwischendurch gut schlafe). Ich erlaube mir in dieser Zeit mehrere 15-minütige Schlaffrequenzen, dazu schlafe ich mehrere Stunden am Tag, je nach Müdigkeitsgrad. Ich komme mit den nächtlichen Kurzschlafphasen gut zurecht, da ich sowieso schnell einschlafen kann und zackig wieder wach bin. Cornelia hingegen liest noch ein paar Seiten und braucht immer eine Weile, bis sie einschläft. Daher ist es für sie angenehmer, wenn sie eine längere Zeit am Stück schlafen kann. Im Moment gefällt uns die Routine einfach am besten
    Wir hoffen, dass der Rest der Reise weiterhin so unspektakulär verlaufen wird. Wir haben in den letzten 24 Stunden 192 Seemeilen zurückgelegt. Und keine Segelmanöver seit 24 Stunden, lediglich ein paar kleinere Kurskorrekturen, je nach Windeinfallswinkel.