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  • Bocksprünge am 4. Tag

    unserer atlantischen Überfahrt, heute ist Samstag, der 29. April 2023

    Seit ein paar Wochen haben wir Starlink an Bord und dank der mittlerweile 3.000 Satelliten, die Elon Musk ins nahe Weltall geschossen hat, sind wir in der Regel permanent mit dem weltweiten Netz an Bord verbunden. Für die Traditionalisten unter den maritimen Liebhabern ist das sicher ein Grauen, immer erreichbar oder online zu sein, für uns ist es ein Segen, um es leicht überspitzt auszudrücken.

    Können wir doch endlich, immer und jederzeit Wetterberichte mit allen erdenklich wünschenswerten Inhalten abrufen. Ein wahrer Quantensprung für das tägliche Wetterrouting und die gesamte Törnplanung, zumindest für uns normalsterbliche Segler ohne meterologisches Hintergrundstudium.

    Aber trotz aller verfügbaren Informationen und der Planbarkeit dank der „schönen neuen Welt“, hält das Wetter immer noch ein paar Überraschungen für den Segler bereit. Manche davon leicht genießbar, weil erfreulich, andere, die zum K(r)ampf mit den Elementen führen. Gestern hatten wir die bevorzugte Variante aus der ersten Kategorie…. Es gab den ganzen Tag über einen wunderbar leichten, segelbaren Wind an der Stelle, wo absolute Flaute herrschen sollte. Der Gennaker stand den ganzen Tag am hohen Karbonmast und zog uns immer weiter nach Nordosten, genau dahin, wo wir hin wollen.

    Durch die moderatere Fahrweise erhöht sich der Radius, den wir mit dem Volvo zurücklegen können, auf sagenhafte 1.390 Seemeilen erhöht, unter Einbehaltung einer Notreserve von 100 Litern, wenn die beiden Dieseltanks und alle Reservekanister bis oben hin gefüllt sind. Ich war selbst von dem Rechenergebnis überrascht.

    Nur in der Nacht verabschiedete sich der Wind. Unsere neue Strategie ist es, bei Flaute mit nur noch maximal 5 Knoten Fahrt und einem Motor, statt wie bisher mit 6 Knoten Geschwindigkeit zu fahren. Der Vorteil ist, dass sich der Verbrauch unseres 75 PS Motors glattweg von 5 Liter pro Stunde auf 2,5 L/h halbiert. Und das bei nur einem Knoten Geschwindigkeitsverlust.

    Seit heute früh heult der Wind wieder um den Mast, er kommt aus Ost-Nord-Ost, mit einem Reff im Großsegel und zwei Reffs in der Genua, geht es in Bocksprüngen über die Wellen, weiter nach Norden. Der stampfende Rumpf schreckt die fliegenden Fische auf, denen ich bei ihren akrobatischen Flugstunts stundenlang zuschauen kann.

    Ein kleiner fliegender Fisch lag unter dem Steuerrad

    Bedingt durch die Windrichtung and den Amwindkurs ist es auch gefühlt kühler an Bord, die Langarmshirts werden ausgepackt, Cornelia zieht sich eine dünne Daunendecke in den Bettbezug ein, und die Füße werden in wärmende Socken gepackt.

    Heute ist für uns  ein besonderer Tag, wir segeln, unter dem nördlichen Wendekreis der Sonne durch, den diese am 21. Juni erreicht, dem Tag der Sommersonnenwende, der zugleich den Sommeranfang markiert und der, auf der Nordhalbkugel der längste Tag des Jahres ist. Man merkt schon an der Menge der Informationen, die im letzten Satz stecken, wie wichtig der 23,26te Breitengrad, der Wendekreis des Krebses, ist.

    Und weil Cornelia in jeden Beitrag reinschreibt, was es am Vorabend zu essen gab, will ich das ebenfalls nicht unterschlagen. Gestern Abend haben wir leckeres Ratatouille mit selbstgemachten Hackfleischbällchen und Reis genossen.

    Hier noch ein Ausblick auf das Wetter der kommenden Nacht und für den morgigen Sonntag; schwacher Wind, aus östlichen Richtungen, langsam Südost drehend. „Vamos a ver, schaun mer mal!“ sagt die Capitania dazu.

    Sonnenuntergang nach dem Abendessen gestern
  • Appel à tous

    Auf geht es in die kleine Markhalle, in Anse  d´Arlet. Gleich am Eingang rechts befindet sich ein großer Obst- und Gemüsestand mit all den Erzeugnissen, die hier auf der Insel wachsen und einigen Importprodukten, die das nicht tun. Wir haben nämlich gestern gelernt, dass es große landwirtschaftliche Nutzflächen auf Martinique gibt und, entgegen zu Saint Martin, vieles lokal angebaut wird, was unserer Haltung sehr entgegen kommt. Nur beispielsweise die gute alte südamerikanische Kartoffel lässt sich hier absolut nicht kultivieren, ebenso wie die gemeine Zwiebel, nach Auskunft unseres erzählfreudigen Taxifahrers. 

    Die Dorfkirche in der Anse d’Arlet

    Doch zurück zur Markthalle, dem Marktstand und der Marktfrau. Diese ist nämlich so engagiert, dass sie zu jedem Obst und Gemüse, das wir gerne kaufen, detailliert erzählt, ab wann es reif ist und bis wann es verzehrt sein soll. So sollen wir beispielsweise die kleinen Bananen nicht vor Sonntag, aber bis spätestens Dienstag aufessen und die Birnen müssten nun wirklich direkt vertilgt werden. Diese präzisen Erläuterungen sorgen nicht nur für eine lange Schlange vor dem Stand, sondern für eine Verbundenheit unter den Wartenden, indem man über die Einkäufe spricht und was man daraus zaubern wird. So schön kann der Vitamineinkauf sein. 

    Der Strand von der Anse d’Arlet

    Obwohl die Anse dˋArlet ein beliebtes Ferienörtchen mit schmucken Strand ist, geht das Leben doch eher beschaulich seinen gewohnten Gang. Laute Discos und Strandbars gibt es zum Glück nicht, dafür ein wunderbares kleines, künstlich angelegtes und gut gepflegtes Riff, mit allen bunten tropischen Fischarten, die man ansonsten in Dokumentationen sieht, die hier dicht vor der Schnorchelbrille seelenruhig herum schwimmen. So kann jeder für sich die Artenvielfalt des Meeres schnorchelnd entdecken, kennenlernen und hoffentlich auch den Stellenwert schätzen lernen. 

    Flyer von Appel à tous

    Schätzen gelernt haben wir die Tatkraft von einem Startup-Unternehmen „Appel à tous“, die sich im Bereich der Versorgung  von Yachten mit Lebensmitteln am Ankerplatz etablieren wollen. Julian, der Sohn von Segelfreund Harald, hat mir eine kurze Nachricht geschickt, dass seine Freundin Antonia bei dem hier ansässigen und erst im Januar gegründeten Betrieb von Deutschland aus arbeitet, für ein paar Wochen den hiesigen Firmensitz kennenlernen wird. Kaum war die Nachricht eingegangen, waren Susanne, Cornelia, Bernd und ich Feuer und Flamme für diese coole Idee. Cornelia hat sich direkt die App von „Appel à tous“ heruntergeladen (Für Segler: das kommt mehrmals täglich hier in der Kurzwelle, auf Deutsch Anruf an Alle), und zusammen schickten wir eine kleine Testbestellung mit Lebensmitteln aus verschiedenen Kategorien an Appel à tous los.

    Team Hullu Poro und Team Hexe mit Team Appel à tous

    Pünktlich, wie in der Bestätigungsmail angekündigt, kamen eine freudestrahlende Antonia und ein motivierter Mike mit seegängigem Schlauchboot am Folgetag, um unsere Lebensmittel zu liefern. Wir drücken dem Team und dem Betrieb alle Daumen,  die wir haben, dass diese Geschäftsidee ein guter Erfolg wird und sich dauerhaft etabliert. Was gibt es Besseres, als nach oder vor einer langen Überfahrt, alle gewünschten Lebensmittel zu einem fairen Preis, frisch und fachmännisch gekühlt ans Boot geliefert zu bekommen, ade Shoppingfrust!

    Mit „Appel à quelques voiliers français“  (Aufruf an einige französische Segler), möchte ich den nächsten Teil des jetzigen Blogbeitrags beginnen, denn das teilweise rücksichtslose Verhalten einiger französischer Segler und nur die sind hier gemeint, lässt uns staunend zurück. Und damit meine ich nicht nur zu dichtes Ankern, mit weniger als einer Bootslänge Abstand in Ankerfeldern mit umlaufenden Wind, bei dem sich alle Boote in verschiedene Richtungen ausrichten, und es nur an ein Wunder grenzt, dass keine Boote kollidieren.  

    Ich meine auch den Segler, der trotz eines Tampens in seiner Schraube und einer damit einhergehenden Manövriereingeschränkheit, den Anker in einer großen Bucht so fallen lässt, dass er genau über unserem Anker zu liegen kommt. Auf diesen Unsinn angesprochen  sagt er, dass er eben einen Tampen in der Schraube hat und er deswegen so seltsam ankern muss. Wer die Logik von ihm versteht, kann es mir gerne erklären. 

    Oder der nächste Fall, wir gehen Anker auf, weil jemand zu dicht vor uns ankert und wir das wegen des angekündigten Starkwindurchzugs zu risikoreich finden. Kurz bevor der Anker oben ist, und wir schon fast am Heck des Vordermannes sind, kommt ein Franzose und fährt trotz lautstarker Bekundungen von Cornelia mit Zentimeterabstand durch die Lücke, was für ein Irrsinn! 

    Ankern mit Distanz

    Als drittes und letztes Beispiel, das jetzt zwei Wochen zurückliegt, möchte ich eine Begebenheit schildern, die sich bei der Ziegeninsel in Les Saintes zugetragen hat. Wir lagen an einer Mooringboje und kamen nach einem schönen Landgang gutgelaunt zur Hexe zurück. Doch die Laune verwehte schneller, als ich diese Zeilen schreiben kann. Denn keine zehn Meter von uns entfernt ankerte eine französische Yacht mit jungen Menschen an Bord. Ich fuhr sofort hin und erklärte, dass in dem Bojenfeld Ankern verboten ist, und dass diese unnötige Nähe zwischen zwei Booten geradezu eine Kollision herausfordert. Die Antwort war, und da muss ich immer noch den Kopf schütteln, man habe dreimal versucht, an anderer Stelle in dem 20 Meter tiefen Wasser, vergeblich, zu ankern, man hätte nur maximal 40 Meter Kette an Bord und wäre froh, dass das Boot jetzt da liegt und sie würden auch nicht mehr wegfahren. Außerdem würde man in der Nacht aufpassen und die Schiffe abhalten, wenn sie kollidieren. Uns reichte diese irrsinnige Antwort jedenfalls aus, um die Motoren zu starten, und uns und unser Schiff ein paar hundert Meter weiter, auf 23 Meter Wassertiefe ankernd, in Sicherheit zu bringen. Wie selbstverständlich, wechselte das junge „Segeldreamteam“ (Ironie) an die frei gewordene Mooringboje. War das etwa die Absicht? 

    Daher, Appel à Tous, haltet Abstand beim Ankern, vergewissert Euch, wo der Anker des Nachbarliegers liegt, rechnet mit Winddrehern oder Starkwind und seid bitte vorsichtig und rücksichtsvoll. Wie gesagt, das vorgenannte betrifft natürlich nicht das Gros der französischen Segler, sondern nur einige wenige, aber das musste jetzt mal raus, Appel à tous, terminer!

  • Die Hexe segelt wieder weiter

    Tatsächlich haben wir es geschafft: Am Samstag haben wir in Bristol den Anker gelichtet, haben unsere geliebte kleine Stadt verlassen. Mit ein bisschen Wehmut, schon …

    In voller Schönheit am Abend

    Am Freitag hatte uns – also eher mir – Tom, der Theker aus dem Irish Pub „Aidan’s“ in Bristol, in dem wir viele Abende verbracht haben,  Clams gebracht, die hiesige Form der Venus-Muscheln, allerdings im Vergleich zu den eher kleinen Muscheln, die wir von den Spaghetti-Soßen bei uns kennen, in gigantischer Größe. Da unsere kanadischen Freunde am Vortag schon Richtung New York aufgebrochen sind, und wir am Abend bei Gif und Chris mit noch einem anderen Ehepaar auf deren Motorboot „Patriot“ eingeladen waren, musste ich mich wohl alleine der 50 Muscheln annehmen. 

    Auf der Patriot hatten wir einen wunderschönen Abend, mit leckerem Salat und Bolognese-Nudeln, Wein und Bier flossen sozusagen in Strömen. Volker und ich waren vernünftig und haben uns um zehn Uhr verabschiedet, weil wir doch am nächsten Tag früh aufstehen wollten. Die vier Freunde aber haben noch bis drei Uhr weiter gefeiert …

    Kaum hatten wir also abgelegt, früh, kurz nach Sonnenaufgang und bei leider bewölktem Himmel, wurde der Sack mit den Muscheln von der Badeplattform in die Küche gebracht, nachdem ich bereits die Ingredienzien für zwei verschiedene Soßen geschnippelt hatte. Es handelte sich einmal um die klassische Soße mit Weißwein, Zwiebeln und englischem Sellerie für einen Clamchowder, eine hiesige Spezialität, die anschließend noch mit einer nicht unerheblichen Menge Sahne zur dickflüssigen Suppe aufgekocht wird. Die zweite mediterrane eine eher schärfere Variante mit demselben Gemüse, aber auch ordentlich Knoblauch und Tomatenmark, hervorragend geeignet als Spaghettisoße.

    Kalt ist es heute auf dem Atlantik

    Während ich in der Küche also die Wohlgerüche des Meeres genoss, stand Volker, dick eingehüllt am Rad und schimpfte nicht nur über den ständig wechselnden Wind – Genua wegrollen, Motor an – Motor aus, Genua ausrollen – sondern auch über die Geschwindigkeit unseres sonst so schnellen Bootes. Wir hatten so viele Muscheln unter dem Rumpf und am Ruder, dass eine Najad, ein kleineres Einrumpferboot ohne Mühe mit uns mithalten konnte.

    in voller Montur

    Auf Block Island, unserem Ziel, so hatte man uns versichert, sei die Bucht so klar, der Ankergrund Sand, also könne man da ohne Schwierigkeiten das Boot von dem Bewuchs befreien. Je geringer die Wassertiefe, desto besser ist die Sicht. Deshalb hatten wir uns eine flache Stelle in der Bucht zum Ankern ausgesucht. Leider ankerten dort so viele andere Boote, dass wir an eine tiefere Stelle ausweichen mussten. Hier wurde Kolumbus-Tag gefeiert, ein richtiger Feiertag in den USA, deswegen waren, obwohl es Sonntag Mittag war, noch viele andere Boote in der schönen Bucht. Am nächsten Nachmittag würden sie zurück in den Heimathafen fahren, aber nun waren sie halt hier. 

    Kurz nach unserer Ankunft zog Volker mutig den Neoprenanzug an, und ging ins Wasser. Neben der eher schlechten Sicht sorgten Strömung und Wellen für extrem schwierige Bedingungen. Fast eine Stunde hat er es trotzdem im 17° kalten Wasser ausgehalten, den Steuerbord-Rumpf, ebenso wie einen Teil des an Backbord frei zu schaben, von unglaublichen Anwüchsen. Kein Wunder, dass die Hexe wie eine lahme Ente gesegelt ist, wie der Skipper es nannte.

    Das war doch eine kräftezehrende Prozedur, für mich natürlich nicht so arg, ich musste nur eine Leine oben führen, damit Volker nicht auch noch gegen die Strömung ankämpfen musste. So hatten wir uns nach einem frühen Abendessen eine Komödie von der Festplatte geladen, den Film – ohne einzuschlafen – bis zum Ende geschaut und wollten unmittelbar danach zu Bett gehen. Bei einem kurzen Rundgang nach draußen stellt Volker fest, dass wir nicht mehr an derselben Stelle lagen, der Anker wohl geslippt war. Natürlich passiert das am späten Abend, wenn es dunkel ist, glücklicherweise hat der Vollmond geleuchtet. Also Motoren an, vielleicht reicht es, wenn wir ein bisschen mehr Kette geben. Das war es leider nicht, im Rückwärtsgang zeigt sich, dass der Anker offensichtlich nicht im Untergrund hält. Wir gehen Anker auf, und versuchen es erneut, diesmal von vornherein mit mehr Kette. Hält? Pustekuchen! Wir bewegen uns immer noch, wenn wir rückwärts fahren. Im dritten Anlauf und an einer anderen Stelle hat es dann geklappt, aber das hätten wir uns gerne erspart.

    Die Nacht war ruhig, am nächstem Tag ist Volker gegen Mittag wieder in den inzwischen getrockneten Anzug geschlüpft, um die Reste von der Backbord-Seite ebenfalls von dem hartnäckigen Bewuchs zu befreien.  Es war dies der Zeitpunkt, an dem die Strömung nicht ganz so stark wie am Vortag war, aber die Wellen hatten sich noch weiter aufgebaut und ihm zu schaffen gemacht.

    eines der wunderschönen Häuser in sensationeller Lage

    Nachdem Volker wieder umgezogen und aufgewärmt war, haben wir uns mit dem Dinghy aufgemacht, um wenigstens ein bisschen Block Island zu erkunden. Schon bei der Anfahrt am Vortag war uns aufgefallen, dass die Insel eine große Ähnlichkeit mit der niederländischen  Nordsee-Insel Vlieland aufweist, Vlieland war immer unsere Lieblingsinsel, seit wir mit der „Sherazade“ ganz am Anfang und später mit unseren „Hexen“ unseres gemeinsamen Segelabenteuers alle Urlaube und viele Wochenenden am Ijsselmer und der Nordseeküste verbracht hatten.

    Und tatsächlich erinnern auch die Wege durch die Dünen, überhaupt die ganze Landschaft an die Nordseeküste, nur die Häuser sind in der amerikanischen Südstaaten-Architektur der Eastcoast gebaut, wunderschön, auf mehr als großzügigen Grundstücken.

    Am Montag – an besagtem Kolumbus Day – segelten wir, der Strömung wegen, wieder früh los. Nach Mystic, einer kleinen Stadt an einem Inlet zwischen Newport und New Haven, hervorragend geschützt vor allen Winden, fährt man zunächst durch eine Eisenbahnbrücke, eine Drehbrücke, die meist offen steht, nur wenn Züge kommen, wird sie geschlossen. Danach sollte es weitergehen durch die Autobahnbrücke zu einem netten kleinen Ankerplatz.

    Die Eisenbahnbrücke, gedreht

    Das hat nicht so hingehauen, wie wir uns das vorgestellt hatten, aber darüber mehr im nächsten Blog-Beitrag.

  • Viele Tage, viele Buchten

    Dienstag, 13. September, Onset Bay nach Martha’s Vineyard, 20 Seemeilen

    Pünktlich um 08:00 Uhr sind wir an der Bootstankstelle, denn in der Seekarte stand, das diese mit Abstand die günstigste Tankstelle der Region ist. Tatsächlich haben wir für 92 Gallonen 425 Dollar bezahlt, das sind 4,62 Dollar pro Gallone, meist kostet die hier 5 Dollar.

    Die Onset Bay hatte uns gut gefallen, ein kleines verschlafenes Nest, mit einem Pub am Hafen und einem Pizza-Restaurant. Dort haben wir sehr leckeren Salat und Pizza gegessen, und uns mit den Damen am Nebentisch unterhalten. Alle sind immer so interessiert, fragen uns, woher wir kommen, wollen mehr von unserer Reise wissen und finden es “awesome“, fantastisch!

    Dann geht es los, immer brav an den Bojen entlang die Onset Bay hinaus bis zu der schmalen Durchfahrt bei dem Nonamesset Island (ist bestimmt ein indianischer Name) über die Bucht von Falmouth Harbour bis nach Martha’s Vineyard, das uns sehr empfohlen wurde. Für heute war dies die ideale Entfernung, denn kurz vor dem Ankern fängt es an zu regnen. Im VHF kommen Warnungen der Coastguard vor Gewitter, schwerer See, plötzlichen Böen und Windhosen, die kleinere Boote umwerfen und andere schwer beschädigen könnten. Tatsächlich braut sich hinter uns was zusammen, eine dunkle Wolkenfront kommt immer näher, wir hören auch schon mal ein Donnergrollen.

    Von hinten kommen die dicken Wolken

    Vorsorglich lässt Volker uns alles wegpacken, die Cockpitpolster wegen des kommenden Regens, das Cockpit-Zelt, um eventuellen Böen keine Angriffsfläche zu bieten, die Abdeckungen auf den Winschen, alles was irgendwie durch die Luft fliegen könnte wird im Innern des Bootes verstaut.

    Glücklicherweise kommen die bösen Sturmböen und Windhosen nicht zu uns, aber der Regen! Das ist kein Regen, sondern Petrus hat da oben ein Schwimmbad leer laufen lassen. Dabei verschwimmen Wasser und Horizont zu einer einzigen grauen Fläche, auf dem Dach prasselt es, und es grummelt immer mal wieder, aber nun sitzen wir trocken im Boot und lauschen dem aufs Dach prasselnden Regen. Mal sehen, wie lange das dauert, laut Wetterberichten soll es gegen 17 Uhr aufhören. Hoffentlich weiß Petrus das auch …

    Tatsächlich wird es abends trocken, wir machen uns auf in den Ort, von dem wir so tolle Sachen gehört haben. Obama macht hier Urlaub und noch andere amerikanische Celebrities. Aber ehrlich: Der Ort ist ausgestorben und langweilig. Es gibt ein paar Kleidergeschäfte, die obligatorischen Galerien und hochpreisige Souvenir-Läden.

    Lecker Sushi

    Ganze zwei Restaurants haben an diesem Dienstg geöffnet, eines davon serviert (für mich) sehr leckeres Sushi, Volker ist von seinem Essen weniger begeistert. Am nächsten Abend essen wir lieber auf dem Boot, aber danach finden wir tatsächlich ein Pub, das berühmte Black Dog, in dem wir nur etwas trinken dürfen, und Volker einen unglaublich leckeren Schokoladenmousse-Nachtisch bekommt.

    Den schwarzen Hund gibt es in allen Varianten, auf sämtlichen Gläsern und Tellern hier im Pub. In den Black-Dog-Läden findet man ihn sogar auf T-Shirts, Hoodies und vielem mehr.

    Donnerstag, 15. September, Martha’s Vineyard nach Newport, 44 Seemeilen

    Um den Gezeitenstrom, der hier mit bis zu vier Knoten stark ist, auszunutzen, sind wir früh auf den Beinen. Der Wind ist noch stärker als vorher gesagt, gut dass Volker schon gleich Reff 2 eingebunden hat. In der Bucht von Martha’s Vineyard mussten wir noch unter Motor fahren, denn es ging genau gegenan, und hier verkehren zahlreiche Fähren, sodass man nicht gut kreuzen kann. Kurz vor Ende der Bucht wird das Großsegel gesetzt, nach dem Abbiegen zunächst auf 280° kommt die Genua im 4. Reff hinzu. 

    Der nächste Kurs ist mit fast 210° ein Halb- bis Am-Wind-Kurs. Dank des mit 28 Knoten wehenden  Windes und  der Böen bis 32 Knoten sind wir rasend schnell, oft über 12 Knoten, am Ende sind wir einen Schnitt von neun Knoten gesegelt.

    Nach fünf Stunden biegen wir in die Bucht von Newport ein, hier wird gesegelt. Ein paar Regatta segelnden Booten müssen wir ausweichen, nachdem wir vor der letzten Bucht das Segel geborgen haben. Die Bucht vor der Stadt ist voll mit Mooring-Feldern, die Ankerplätze sind gefüllt wie in der Marigot Bay. Aber wir finden einen guten Platz, und können bald mit dem Dinghy in die Stadt fahren.

    Am nächsten Tag sind wir früh im Ort, denn hier findet gerade eine Boat Show statt, mit ganz vielen Motor- und auch einigen Segelbooten im Wasser, und auch Zubehör in zwei Hallen. Wir genießen es, dass man hier ganz unproblematisch auf jedes Boot gehen kann, ohne gleich ein festes Kaufinteresse zu zeigen. Schuhe ausziehen und ab!

    Samstag, 17. September, Newport nach Bristol, 12 Seemeilen (gekreuzt wahrscheinlich eher 14, aber die Logge funktioniert nicht)

    Früh legen wir ab, es sind zwar nur 12 sm bis Bristol, aber Volker möchte heute noch in das Herreshoff-Museum. Ohne Frühstück und vor allem ohne Kaffee für mich motoren wir zunächst bis zur Newport oder auch Claiborne Pell Bridge (das scheint nicht so klar) und, obwohl sie mit den 194 Fuß mehr als genug Durchfahrtshöhe für uns hat, sieht es immer wieder spektakulär aus. Zumindest von unten.

    Wie in Holland im Winter …

    Der Wind ist kalt, wir ziehen eine Schicht nach der anderen an, sogar Handschuhe. Aber die Sonne scheint und verspricht wärmere Temperaturen für heute Mittag.  Es ist sehr schön hier und nicht ganz so voll wie in Newport auf den Ankerplätzen und  den zahlreichen Regatten.

    Vor Bristol liegen auch zahlreiche Boote, die meisten an Moorings, aber wir finden einen großartigen Ankerplatz.  vor wunderschönen Villen am Ufer mit großzügigen Grundstücken. „Bei der Garten-Größe rentiert sich ein Aufsitzrasenmäher!“, sagt Volker.

    Das Herreshoff-Museum ist interessant anzuschauen, wir bewundern die verschiedenen Modelle, und man kann sogar in manche reingehen. Die sind wunderschön gebaut, mit allem, was man auf längeren Törns braucht, Toiletten, Betten und eine funktionierende Küche mit Dieselherd. 

    Bristol gefällt uns gut, mit zahlreichen Kneipen und Restaurants, wir genießen die kleine Stadt. Anthony Quinn hat in Bristol gelebt und ist sogar auf dem hiesigen Friedhof beerdigt. Auch hier finden wir überall nette Leute, die uns mit Tipps zu der Gegend versorgen, und mehr über unsere Reise wissen wollen.

    Am Sonntag findet in einer Straße ein Event statt, mit verschiedenen Bands auf den Porches, den Veranden an der Vorderseite, tausende Menschen sitzen auf mitgebrachten Stühlen, oder stehen vor den jeweiligen Bands, und manche, so wie wir, laufen die ganze Straße entlang, um alle Bands und die wunderschönen Häuser anzuschauen.

  • Zwischen Death Valley und den Schweizer Bergen – die vielfältigen Gesichter Islands

    Wenn man mit dem Auto durch Island fährt, sieht man ganz verschiedene Landschaftsbilder.
    Es gibt vulkanische Steinwüsten wie in Lanzarote, aber hier sind sie von weichem Moos bedeckt, sodass man einsinkt, wenn man darüber läuft. Das gilt wahrscheinlich auch für die grasenden Schafe sowie für die vielen Islandpferde, die auf weiten Weiden rennen können.
    Es gibt grüne Wiesen und schroffe Berge wie in den Alpen, an manchen Stellen ragen rote Felsplateaus aus wüstenähnlichem Boden, dann wieder stehen da Tannenbäume wie im deutschen Nadelwald. Eine andere Gegend erinnert an die sanften Hügel Südenglands.
    Beeindruckend aber sind die Geysire, oder Wasserfontänen, die aus der Erde sprudeln, sowie riesige und kleinere Wasserfälle, oft sieht man glasklare oder erdtrübe Seen und Flüsse.
    Und über all dieserVielfalt thronen die Gletscher Islands mit den unaussprechlichen Namen, der kleine Myrdalsjökull oder der riesige Vatnajökull, von denen an einigen Stellen Eisbrocken in Lagunen abspalten, der Gletscher „kalbt“. Große und kleine, braune, weiße und blaue Eisberge schwimmen in den Seen, auch einzelne Stückchen Gletschereis, die wie Diamanten in der Sonne glitzern.

    Was machen wir in Island? Während wir zu unserem Sommerurlaub in Deutschland waren, haben Wes und Roisin in ihrem Sommerurlaub die Hexe nach Boston gebracht. Dort findet dann – sozusagen – ein Crewwechsel statt, die beiden fliegen zurück nach Lanzarote, und wir übernehmen unser Boot wieder.

    Alles muss eingepackt werden

    Der Flug von Amsterdam nach Boston sollte in Reykjavik zwischenlanden, mit zwei Stunden Aufenthalt. Da wir beide aber noch nie in Island waren, beschlossen wir, den Zwei-Stunden-Aufenthalt auf drei Tage zu verlängern. Und das hat sich gelohnt!

    Auf dem Weg zum Abendessen im Turm

    Auf dem Weg zum Flughafen in Amsterdam haben wir eine Nacht als erste Gäste im neu eingerichteten Airbnb von Sabrina und Matthijs in Hoorn geschlafen, und waren mit unseren Freunden Kees und Boris wie in alten Zeiten in den Hoofdtoren Spareribs und Sliptongetjes essen.

    Der etwas andere Fahrradständer

    Ich hatte uns ein nettes Hotel im Herzen von Reykjavik gebucht, ein Leihauto hatten wir schließlich auch (aber dazu gehört eine andere Story), und nachdem wir unser Gepäck in dem schönen Zimmer mit Aussicht auf den Hafen verstaut hatten, machten wir einen ersten Rundgang durch die Innenstadt.

    Auf der Fahrt vom Flughafen war uns aufgefallen, dass es viele eher hässliche Bauten gibt, mit unschönem grauen Betonputz. Aber hier im Zentrum erfreuten wir uns an den typisch bunten nordischen Häusern. Die Stadt ist unglaublich lebendig, so viele Menschen laufen durch die Straßen, am frühen Sonntagabend genauso wie am späteren Montagabend oder Dienstag Nachmittag. Es gibt anspruchsvolle Modegeschäfte, Designerläden und natürlich viele Souvenirläden mit hübschen bis hässlichen Andenken an Island. Fast jedes zweite Haus beherbergt ein Restaurant, ein Café oder eine Kneipe, alle sind meist gut besucht.

    Das Opern- und Konzerthaus – moderne Architektur vom Feinsten

    Viele junge Menschen beherrschen das Stadtbild, manche mit außergewöhnlichen Haarprachten, Männer mit Zöpfen bis zum Po, viele – wie in der Karibik – sehr bunt gefärbt, und mit abenteuerlichen Tätowierungen.


    In der ältesten Kneipe Islands tranken wir ein Bier – „Viking“, in Island gebraut wie auch „Gull“, von dem wir schon am Flughafen ein Sixpack ins Hotel mitgenommen hatten, weil wir horrende Storys von Bier- und Weinpreisen gehört hatten. Also, günstig ist es nicht, aber insgesamt scheint es – zumindest für die Isländer – in Ordnung zu sein.

    Uns blieben zwei volle Tage, um die Sehenswürdigkeiten dieser Insel anzuschauen, und jede einzelne Stunde hat sich mehr als gelohnt. Da wir beschlossen hatten – schon wegen unserer eher zahlreichen und schweren Gepäckstücke von dem einen Hotel in Reykjavik aus zu fahren, anstatt jeden Abend eine neue Unterkunft zu suchen – waren wir lange mit dem Auto unterwegs, durch eben diese vielfältigen Landschaften.


    Der eher kurzen zur Verfügung stehenden Zeit wegen haben wir uns auf die Südküste konzentriert und sind am ersten Tag sehr früh, um kurz nach sieben Uhr, losgefahren, 380 km weit, zu dem Vatnajökull-Gletscher, vorbei an all den eingangs erwähnten verschiedenen Landschaften.

    Schwefeliger Dampf kommt auch mit in die Luft

    Geysir-ähnliche Fontänen aus schwefeliger Erdwärme haben uns beeindruckt, natürlich die wirklich sehr zahlreichen Schafe, die friedlich grasenden Islandpferde und Shetlandponys. Nahe der am südlichen Rand der Insel gelegene Stadt Vik gab es auch einen kleineren Gletschersee, allerdings eher mit schmutzigbraunen Eisbergen.

    Aber der Gletschersee Fjallsarlon hat wirklich alles übertroffen. In der Sonne am Ufer sitzend beobachten wir, wie die kleinen Diamanteisberge leicht übers Wasser gleiten, der große Brocken in einem unglaublichen Blau leuchtet und kleinere weiße Stücke auf dem kalten Wasser schwimmen. Volker hat mal die Hände reingehalten und fand die Temperatur als nicht zum Baden geeignet.


    Der Rückweg nach Reykjavik wurde zu einem Festival der Wasserfälle und der daraus resultierenden Flussschnellen. An dem großen und berühmten Seljalandsfoss ersparten wir uns den eigentlich unvermeidlichen Gang zwischen dem hinab stürzenden Wasser und der Felswand, als wir sahen, wie nass die Leute da herauskamen, viele in Regenjacken und -mäntel gehüllt, uns reichte schon, dass die Gischt unsere Gesichter benetzt. Trotzdem war es gigantisch anzusehen, wie schön die von Sonne und Spray gebildeten Regenbogen an den Berg gemalt wurden.

    Auch die Band spielt vor vollen Bücherregalen

    Müde und hungrig kamen wir am Hotel an, und landeten – nach einem leckeren Abendessen mit Fish & Chips für mich und einem Burger für Volker in einer großen Buchhandlung. Also, es sah aus wie eine Buchhandlung, aber vor fünf Jahren hatte der Chef, der wie der Archetyp eines Buchhändlers durch den Laden lief, eine andere Idee. Er stellte antiquarische Bücher in die zahlreichen Regale im Erdgeschoss und auf der umlaufenden Empore, baute zwei Theken ein, seitdem spielt hier jeden Abend eine Band, der Laden ist voll, und die Bars laufen gut. Wahrscheinlich kommen hier täglich mehr Menschen in das Geschäft, als es Buchkäufer gäbe.

    Die amerikanische Erdplatte

    Nach der ausgedehnten Autofahrt am ersten Tag wollten wir an unserem zweiten und letzten Tag nicht so lange im Wagen sitzen. Die Landschaftseindrücke waren unglaublich vielfältig, heute reichte uns der Ausflug zu der Kontinentalspalte. In dem Nationalpark Thingvellier treffen die eurasische und die amerikanische Erdplatte aufeinander, dazwischen hat sich eine Spalte gebildet, durch die man hindurch wandern kann, vom Museum bis – mal wieder – zu einem Wasserfall. Hier waren wir auch nicht alleine, aber das Gefühl, mal eben so von europäischem zu amerikanischem Boden zu wechseln, und natürlich – auch wieder mal – die umgebende Landschaft machten den Spaziergang zu einem besonderen Erlebnis.

    Volker und die Pferde


    Auf dem Rückweg haben wir kurz angehalten, um ein paar Islandpferde zu streicheln, waren in einem Museum, das isländischer Malerei gewidmet war, und eine Ausstellung des unglaublich produktiven Porträtmalers Kjärval (1886-19729) zeigte, sowie eine Ausstellung von gestickten modernen Bildern, die lustig anzuschauen.


    Nach einem leckeren vietnamesischen Abendessen schauten wir noch einmal bei der musikalischen Buchhandlung vorbei, diesmal allerdings waren wir vernünftig genug, nicht – wie am Abend zuvor – die letzte Zugabe abzuwarten, sondern gingen rechtzeitig zurück zum Hotel, um die Taschen zu packen, schließlich mussten wir um sieben Uhr in der Früh bereits auf dem Weg zum Flughafen sein.


    Da wir – trotz aufmerksamer Nachtwachen (für jeweils fünf Minuten) – kein Nordlicht gesehen haben, werden wir wohl sicher mal zurück kommen, Island hat uns gut gefallen.

  • Auf zur Chesapeake Bay! Tag 1

    26. Juni 2022 Cape Lookout 05:15
    Baro 1018, sonnig mit Wolkenfeldern, Wind morgens 3 – 8 Knoten NO, zunehmend auffrischend bis 12 Knoten, auf O bis SO drehend

    Wunderschöne Muscheln am Strand

    Gestern sind wir aufgebrochen aus unserer Anker-Idylle vor Beaufort (Volker wird nnoch separat darüber berichten), nachdem wir einen Spaziergang auf der Insel gemacht haben, leider ohne die dort lebenden wilden Ponys zu sehen, nur ihre Hinterlassenschaften in Form von angetrockneten Knödeln lagen auf den schmalen Pfaden im Inneren der Insel. Als wir am Wasser entlang gingen, brachten sich tausende kleiner Einsiedlerkrebse vor unseren Tritten in Sicherheit, ein lustiges Schauspiel, ihnen dabei zuzusehen.

    Skipper mit Leuchtturm

    Doch am späten Nachmittag, nachdem wir die 10 Meilen zu der kleinen vorgelagerten Bucht Cape Lookout gekreuzt waren, sah ich plötzlich vom Beiboot aus einen braunen Flecken am Strand. Und tatsächlich, da standen vier Ponys und machten sich über die Reste her, die von den Lunchpaketen der Strandbesucher übrig geblieben waren. Wir landeten das Beiboot, und Volker ging zu ihnen hin, aber streicheln liessen sie sich doch nicht.

    Auch den über 14 Seemeilen sichtbaren schwarz-weißen Leuchtturm haben wir besichtigt, von außen zumindest. Zurück am Boot besuchten uns auch Delfine, die hier in der Gegend zahlreich vorkommen, sogar in den Ankerbuchten vor den Städten. Nach einem frühen Abendessen mit den köstlichen Resten des Vortagsgrillens gingen wir zeitig zu Bett, denn wir wollten ja früh aufbrechen für die fast 200 Meilen bis zu einer kleinen Bucht vor dem Eingang zur Chesapeake Bay.

    Das haben wir auch geschafft, um vier Minuten nach fünf Uhr waren wir auf den Beinen, Motoren an, Navigationslichter an, Instrumente an, der Anker wird hochgeholt, und wir motoren mangels Wind Richtung Cap Hatteras.

    Um 09:30 wird immerhin das Groß gesetzt, der Wind kommt mit acht Knoten aus 15°, das kann man nicht segeln, und zum gemütlichen Kreuzen, wie gestern auf den zehn Meilen, ist der Weg zu lang. Noch vor dem Frühstück werden beide Motoren gestoppt, Volker geht ins Wasser, nein, nicht aus Kummer, sondern um die von irgendwelchen Ablagerungen zugesetzte Logge zu befreien, die die Geschwindigkeit durchs Wasser misst. Denn ohne diesen Wert sind die Berechnungen für die Windwinkel nicht nicht korrekt. Nach zwei Tauchgängen – nicht so einfach hier draußen mit der Strömung – ist es viel besser, es fehlen nur noch zehn Prozent, die rechnen wir einfach drauf.

    Kap Hatteras gerundet

    Ab 12:20 Uhr, zwei Stunden früher als in den Wetterberichten vorhergesagt, frischt der Wind auf und dreht weiter nach Osten, wir können segeln! Das geht ziemlich flott, mit sieben bis acht Knoten Fahrt pflügt die Hexe durch die kabbeligen Wellen. Die werden immer wilder, je näher wir Cap Hatteras kommen, das – wie Volker sagt – berüchtigt ist fast wie Kap Hoorn, weil dort der warme Golfstrom und der kalte Labradorstrom aufeinander treffen. Tatsächlich ist die Wassertemperatur bei uns von gemessenen 27° bei Cape Lookout auf 25° nach dem Cap Hatteras efallen. Immer noch nix zum Jammern für Mitteleuropäer, aber für Karibik verwöhnte Segler schon.

    Wir haben Glück, der Wind weht uns mit 12 Knoten und einem guten Einfallswinkel um das Cap herum, unspektakulär, aber das finden wir sehr gut und freuen uns, dass das so einfach geklappt hat. Denn ein bisschen Respekt hatten wir beide schon, wir kennen die „Kap-effekte“ von anderen Stellen unserer Reise. Auf dem neuen Kurs nach dem Cap brauchen wir mal wieder den Code D, denn hier haben wir fast achterlichen Wind.

    Bis jetzt hatten wir genug Zeit, abwechselnd ein bisschen auszuruhen und für die Nacht vorzuschlafen oder den versäumten der letzten Nacht nachzuholen. Vor längeren Strecken schlafen wir nicht so gut, diesmal allerdings war nur ich es, die sich mit lauter Gedanken im Bett gewälzt hat.

    Nun zieht der Gennaker die Hexe, der Wind kommt genau von hinten, wir kreuzen mal wieder vor dem Wind bis zur Dunkelheit. Das ist das gute, wenn man im Sommer weiter nach Norden kommt. War es in der Karibik fast noch Tag- und Nachtgleiche, 13 Stunden hell und 11 Stunden dunkel, hier ist es selbst um 21 Uhr noch ein kleines bisschen hell, und ab fünf Uhr ist die Nacht vorbei. Heute wird es aber eine sehr dunkle Nacht werden, denn der Mond geht erst um kurz vor vier Uhr auf, und es snd nur 4 % zu sehen, in zwei Tagen ist Neumond.

    Der Gennaker zieht uns bis 22:30 Uhr, danach segeln wir nur noch mit dem Großsegel, je nach Wind und -Einfallswinkel zwischen 4 und 6,5 Knoten, schnell genug, um vorwärts zu kommen, und trotzdem kurze Schlafperioden einzulegen, die berühmten zehn Minuten.

    Noch ein Sonnenuntergang

    Kurz vor dem Wegepunkt am Oregon-Inlet halst Volker, danach übernehme ich die Wache. Die Einfahrt zu dem Inlet gebärdet sich wie eine Lightshow, rote, weiße und grüne Lichter blitzen und funkeln um die Wette, glücklicherweise alle an Backbord und weit genug entfernt. Nur die beiden weiß blitzenden Bojen, die den „Navy Air Combat Manaeuvering Range“ markieren (was immer das beudeuten soll, mitten vor der Küste an einer gut besuchten Einfahrt), liegen an Steuerbord, aber auch sie in unbedrohlicher Entfernung.

    Und der Sternenhimmel!!! Da ja – wie oben erwähnt – der Mond heute nur in sehr schlanker Form und erst sehr spät aufgehen wird, ist der Blick nach oben grandios. Die Milchstraße leuchtet orange und nicht zu übersehen, ich finde als erstes die gut zu erkennende Cassiopeia, auch den großen und den kleinen Bär, den Skorpion und die Waage, die Leier sowie die hell leuchtenden Sterne Altair, Arktur und den rötlichen Saturn. Der Sternenhimmel ist beeindruckend in seiner Vielfalt und Schönheit.

    Außerdem müssen wir uns wieder an ein fast vergessenes Gefühl gewöhnen, wir frieren! Volker bittet mich vorhin, die Tür vom Cockpit zum Salon zu schließen: „Mir ist eiskalt!“ Okay, zugegeben ist das Jammern auf hohem Niveau bei 23° Nachttemperatur, aber die karibischen Nächte waren mit 28° doch deutlich angenehmer. Und der Fahrtwind macht es auch kälter. Dafür schläft man besser bei geringerer Wärme – man kann sich einfach alles schönreden.

  • Good News

    Endlich gibt es mal eine Reihe guter Nachrichten von Bord, bevor wir wieder über den fehlenden Passatwind meckern.

    Der neue Türverschluss war der letzte Punkt auf der Liste

    Das Schiff – und wir sowieso – sind reiseklar, alle Fehlerpunkte aus dem letzten Bericht sind behoben, ein externes Schließsystem für unsere Haustür ist eingebaut.

    Auch die verloren geglaubten gesegelten Meilen sind wieder da

    Sogar die verloren gegangenen gesegelten Gesamtmeilen im Datenprotokoll sind wieder, nach dem Einbau der neuen Logge aufgetaucht.

    Neu: Wassertemperatur

    Neben den gesegelten Seemeilen und der Wassertiefe zeigt der neue Loggeber, ein „Triducer“, nun sogar die Wassertemperatur an. Die ist in einem halben Meter Wassertiefe immerhin noch angenehme 19 Grad und für Mitte Januar ein Grad über dem üblichen Jahresdurchschnitt auf den Kanaren.

    Aber bleiben wir noch ein bisschen beim Boot. Weil jetzt wirklich alle abfahrtsrelevanten Punkte auf der To-Do-Liste abgehakt sind, können wir auch mal wieder kleinere kosmetische Unterhalts- bzw. Reinigungsarbeiten angehen.

    • Die Gemüsekiste wartet auf die letzten Einkäufe

      Die Backskisten im Cockpit haben wir leer geräumt, die darin befindlichen Stauboxen einer Kernreinigung unterzogen und alles darin Befindliche wurde neu sortiert.

    • Der komplette Decksaufbau mit seinen glatten Gelcoatflächen ist frisch mit einem UV-Schutzwachs gepflegt, sodass die intensive karibische Sonne die Oberflächen nicht auskreiden kann.

     

    • Antirutsch-Streifen

      Die alten Antirutsch-Klebestreifen auf den Decksluken waren mir schon länger ein kosmetischer Dorn im Auge und wurden jetzt mit Hilfe von Aceton und Olivenöl rückstandslos entfernt. Das Olivenöl hat den Vorteil, das es selbst hartnäckige alte Kleberänder schön aufweicht und diese dann besser zu entfernen sind. Neue Antirutschstreifen werden wir erst mal nicht kleben,  ich bekomme eh schon eine kleine Krise, wenn jemand auf die durchsichtigen Makrolon-Decksluken tritt und wer nicht darauf tritt, kann auf den glatten Oberflächen auch nicht ausrutschen, so einfach ist das.

    Nun liegt die Hexe bereit – sogar am neuen alten Liegeplatz

    Ansonsten ist es in den letzten acht Tagen im Hafen von Puerto Calero etwas ruhiger geworden, die Haupt-Abreisezeit in die Karibik scheint vorbei zu sein, und es kommen deutlich weniger Boote, die auf der Durchreise sind.

    Schön für uns ist, dass wir auf Lanzarote viele liebe Menschen kennen, sodass die eine oder andere kleine Feier an Bord, ein Bier im Upperdeck, oder ein gemeinsames Abendessen in geselliger Runde unseren Segleralltag rundherum positiv prägen. Wir Menschen sind soziale Wesen und nur bedingt zum Alleinsein fähig, daran wird auch diese Pandemie nichts ändern.

    Der Wetterbericht hat keine guten Nachrichten

    So, jetzt habe ich doch soviel geschrieben, eigentlich wollte ich mich ja noch über das Wetter und unsere mögliche Abreise auslassen. So versuche ich, mich kurz zu fassen, weil es so eine vertrackte (Wetter)-Situation auf dem Atlantik ist. Es gibt also entweder zu viel Wind, zu wenig bis kein Wind in der Mitte, unnötig hohe Wellen, Gegenwind auf gut 10 Prozent derStrecke. Zusammengefasst: Das entspricht nicht unserem Traum vom atlanischen Segeln und endlosen Surfs – wir warten ab.

  • Mit der Bahn zum Boot

    Voller Vorfreude bin ich heute morgen um halb fünf aufgestanden, als der frühe Wecker geklingelt hatte. Heute geht es zur Hexe! Wes und seine Crew sind gestern Abend schon in Cherbourg eingelaufen, und obwohl ich telefonisch einen Liegeplatz reserviert, und extra gestern Nachmittag noch einmal im Marina Office angerufen hatte, um die Ankunft zu bestätigen, war an den mir genannten Längsseitsstegen nichts mehr frei, und sie mussten an einen „Inselsteg“ gehen, von dem aus man nur mit dem Beiboot an Land kommt.

    Volker hat mich also heute morgen nach Frankfurt an den Hauptbahnhof gefahren, dort stand auch schon der ICE nach Paris auf Gleis 19, pünktlich ist er abgefahren. Doch leider kam schon in Mannheim die erste Hiobsbotschaft: Der Zug wartet auf verspätete Anschlusszüge, und hat dann selber 20 Minuten Verspätung. Der nette Zugbegleiter versicherte mir zwar, dass wir hinter der Grenze die Verspätung wieder aufholen würden, aber trotz Spitzengeschwindigkeiten von um die 320 km/h sind wir erst 10:20 statt 09:56 in Paris Est eingelaufen. Nun musste ich für den nächsten Zug leider den Bahnhof wechseln, denn in Paris fahren am Gare de l’est nur internationale Verbindungen, für innerfranzösische Correspondance muss man entweder zum nahe gelegenen Gare du Nord, oder halt, wie ich, zum etwas weiter entfernten Gare St. Lazare. Und ich hatte nur eine Stunde Aufenthalt!

    Noch einige andere Mitreisende warteten nervös an der Tür, bis der Zug endlich auf dem Bahnsteig zum Stillstand kam. Nun, meine Experimente mit der Metro und einmal Umsteigen hab ich lieber gekippt, und mir einfach ein Taxi geschnappt. Der Fahrer war nicht sonderlich begeistert, denn es ist ja keine lange Strecke, zu laufen wäre es eine halbe Stunde gewesen, aber dann fuhren wir doch los. Natürlich war es voll, jede Menge rote Ampeln, Fahrradfahrer, die die halbe Fahrbahn einnehmen, Autos, die mal eben schnell, oder auch nicht so schnell was abladen wollen und in zweiter Reihe stehen bleiben und die Straße blockieren. Ich hab schon mal nach Leihwagen am Bahnhof geschaut, denn der nächste Zug nach Cherbourg würde erst zwei Stunden später fahren. Ein bisschen Wehmut und Sehnsucht kam schon in mir auf, Paris ist immer noch wunderschön, und ich wäre gerne ein bisschen länger geblieben…

    Aber schließlich haben wir es geschafft, auf der rechten Seite taucht der Bahnhof St. Lazare auf, ich suche das Gleis, und keine fünf Minuten später ist der Zug auch schon eingefahren und alle wartenden Reisenden können einsteigen. Jetzt sitze ich kommod in einem in dunkellila gehaltenen Großraum der ersten Klasse (das hat für die ganze Reise nur 20 Euro mMehrkosten ausgemacht, sodass ich mir das einfach mal gegönnt habe), und fahre bei eher bedecktem Himmel der Küste entgegen. Volker muss leider noch ein bisschen in Darmstadt bleiben, und sich um die Renovierungsarbeiten und die Gartenanlage kümmern, der Arme! Ich freue mich aufs Boot, das wir wo lange nicht mehr besuchen konnten. So lange waren wir noch nie ohne Boot!

    Hexe, ich komme!

  • Hexe is coming home!

    Seit den Mittagsstunden des 9. Juni ist unsere Hexe unterwegs!

    Wettervorhersage für Mittwoch

    Drei überaus fähige Segler sind an Bord und bringen sie von Lanzarote nach Holland. Wes und Clive kennen wir von Puerto Calero, Wes betreibt die dortigen Ausflugskatamarane, ist selbst erfahrener Katamaran-Eigner und schon mehrfach über die Weltmeere gesegelt. Außerdem verdient er, wie auch Clive, sein Geld mit der Reparatur und dem Service für Boote in der Marina auf Lanzarote, kurz gesagt, die Hexe ist in den besten Händen. Mit an Bord ist Wes’ Sohn Shay, den wir leider noch nicht persönlich kennen, der ebenfalls viele tausend Seemeilen auf den Ozeanen der Welt auf dem Buckel hat, also eine großartige Crew.

    Manchmal können wir die Hexe auf MarineTraffic orten, dann wieder auf Vesselfinder, aber am zuverlässigsten sind die Emails von Wes, die wir täglich bekommen, mit Positionsangabe und Details des letzten Tages. Natürlich checken wir mehrmals am Tag unsere Mails, schließlich fiebern wir mit. Leider konnten wir, bedingt durch die Reisebeschränkungen wegen Covid-19, nicht nach Lanzarote reisen, um das Boot selber in den Norden zu holen. So haben wir uns schließlich schweren Herzens entschlossen, die Hexe nach Holland überführen zu lassen.

    Die bisherige Route

    800 Seemeilen liegen schon in ihrem Kielwasser seit dem Start, es sind auch noch ca. 1200 Meilen bis Hoorn, dort haben wir in unserem Vereinshafen einen Liegeplatz reservieren können, dank der tatkräftigen Unterstützung von Kees, dem allerbesten Hafenmeister der Welt, vielen Dank, Kees, nochmal an dieser Stelle!

    Im Moment ist an der portugiesisch-spanischen Atlantikküste eher Flaute, die Crew muss motoren, um rechtzeitig auf der Höhe von A Coruña zu sein, damit sie den einsetzenden Westwind über die Biskaya nutzen und schnell unter Segeln bis in den Englischen Kanal fliegen können, hoffentlich.

    Es fühlt sich schon sehr komisch an, unser Boot segelt oder fährt unter Motor, dort, in  den unendlichen Weiten des Atlantik, ganz ohne uns!

    Wenn alles klappt, werde ich Mitte dieser Woche in Brest oder Cherbourg zusteigen, und wenigstens die letzten gut 300 Seemeilen bis Holland mit segeln. Wir werden berichten…

  • Schnell, auf der Kreuz…

    Der typische Seglertag: Morgens ein kurzer Blick aufs Wetter, den Zustand der Mannschaft, entschieden! „Geht schnell mit dem Hund, bringt Brot mit, redet mit dem Hafenmeister, und kommt schnell wieder!“, so die Anweisungen des Skippers früh um acht. Wir sind gerade nach dem Spaziergang vor dem Hafen-Supermarkt angekommen, der Anruf: „Das Boot ist fertig, seid Ihr gleich hier, damit wir ablegen können?“ Glücklicherweise ging es beim Hafenmeister schnell, und auch an der Supermarktkasse gab es um die frühe Uhrzeit noch keinen Stau. Viertel nach neun, waren die Leinen los, wir fahren aus dem Hafen, schnell die Fender weg, die Segel hoch, los geht’s.

    Der Track sah fast aus wie ein Tannenbaum

    Hoch am Wind segeln wir bis Arrecife, dann fängt die Kreuz an. Mehr als zehn Wenden haben wir gefahren, aus der ursprünglichen Strecke von 33 Seemeilen wurden 57 Seemeilen, auf dem einen Bug immer voll gegen die Wellen, der andere Bug war etwas angenehmer. Trotzdem war die Hexe schnell, stets über sieben Knoten. Die letzten vier Meilen mit dem Wind fragt man sich, war es vorher kalt?

    Um kurz nach vier sind wir am reservierten Liegeplatz in der Caleta de Sebo auf La Graciosa, wo uns der Securitas-Mann in Empfang und die Leinen annimmt. Volker entsalzt das Boot, während Petra und ich mit Samy durch das kleine Dorf marschieren. Es gibt mehrere Restaurants, zwei Supermärkte, einen Gemüseladen, am nächsten Morgen entdecken wir sogar eine Metzgerei, eine Apotheke und eine Bäckerei. Nach dem Abendessen machen wir noch einen Bummel durch den Ort und trinken Bier und Rotwein in der Dorfkneipe, den Rotwein aus so kleinen süßen Gläsern, dass wir diese als „Tintenzwerge“ tituliert haben.